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Rentner kämpft gegen Krankheit und Behörden
73 Cent oder ein Auto zu viel
Helene und Werner Buhre vor der leer stehenden Wohnung, doch mit dem Umzug wird es wohl nichts. Foto: Wenzel
Helene (65) und Werner Buhre (67) sind verzweifelt. Der 67-Jährige ist schwer krank, leidet an Knochenkrebs. Keiner weiß, wie lange er noch laufen kann, ab wann er auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Deshalb sucht das Ehepaar eine neue Wohnung im Erdgeschoss. Diese Wohnung gibt es sogar schon, gleich nebenan. Doch mit dem Umzug wird es wohl nichts. Weil das Einkommen der Buhres um 73 Cent pro Monat zu hoch ist. Und weil sie ein Auto haben, dass sie behalten möchten und müssen.
Helene und Werner Buhre waren zufrieden mit ihrem Leben. Eine nette Wohnung auf dem Holtenser Berg, 71 Quadratmeter groß, sie hatten alles, was sie zum Leben brauchen. Dazu gehören ein sechs Jahre alter Suzuki Wagon R und Pinscherhündin Bonny. Die Kinder sind längst erwachsen und wohnen in Salzgitter und Berlin. Seit fast 30 Jahren wohnen Helene und Werner als Kunden der Städtischen Wohnungsbau GmbH auf dem Holtenser Berg, seit 13 Jahren in der Romstraße. Sie sind bescheiden, verlangen nicht viel vom Leben und freuten sich auf das gemeinsame Rentnerdasein. Doch gesundheitlich ging es mit Werner Buhre immer weiter bergab. Im Juni 2005 dann die Diagnose: Knochenkrebs!
Danach begann nicht nur der Kampf ums Überleben, sondern auch der gegen die Bürokratie. Nach der schlimmen Diagnose musste Werner Buhre schwere Monate überstehen. Im Januar dieses Jahres folgte die erste Chemotherapie, seit über einem Jahr muss der 67-Jährige Tabletten nehmen und einmal im Monat ins Klinikum. „Dort komme ich dann an den Tropf, im April wurden mir Stammzellen entnommen“, berichtet der schwer kranke Rentner. Im Juni ging es für drei Wochen ins Klinikum zur Stammzelltransplantation, später folgte eine weitere Chemotherapie. „Allein wegen der Tabletten war er oft nicht ansprechbar“, so Ehefrau Helene.
Ihrem Werner ging es immer schlechter: „Ich kann manchmal kaum noch laufen, die Knochen lösen sich auf und ich habe überhaupt keinen Geschmack mehr“, kämpft Werner Buhre mit den Tränen. Er hat mittlerweile 14 Kilo abgenommen. „Ich muss ihn dazu zwingen, etwas zu essen!“, streichelt Helene Buhre zärtlich die Hand ihres Mannes.
Da auch die Mediziner nicht wissen, wie sich die Krankheit weiter entwickelt, gaben sie den Buhres den Rat, sich eine ebenerdige Wohnung zu suchen. Die letzten Röntgenbilder zeigen, dass die Krankheit weiter fortgeschritten ist, die Zeit drängt, eine Wohnung im Erdgeschoss zu finden. „Hiermit wird bescheinigt, dass Herr Buhre aus gesundheitlichen Gründen in eine ebenerdige Wohnung einziehen muss“, bestätigt auch der Hausarzt mit Schreiben vom 9. Oktober.
Und diese Wohnung steht seit September leer. Genau im Nachbarhaus eine Tür weiter, der Umzug wäre schnell erledigt. Auch die Städtische Wohnungsbau signalisierte schnell die Zustimmung, lediglich die Finanzierung des Umzuges und der Renovierung müsse noch abgeklärt werden. Und genau hier liegt das Problem. Ehefrau Helene verfügt über kein eigenes Einkommen, beide leben von der becheidenen Rente des Ehemannes. „Ich habe 42 Jahre geschuftet, wenn ich dann sehe, was da heute bei rauskommt, könnte ich nur noch schreien“, so Werner Buhre. Dazu gibt es noch 27 Euro Wohngeld, die Hartz IV-Zahlungen an Ehefrau Helene liefen im August aus. Für den Umzug und die Renovierung ist kein Geld da. „Wir haben noch eine kleine Reserve, aber die rühren wir niemals an, die bleibt, damit die Helene mich anständig unter die Erde kriegt.“ Jetzt kämpft auch Helene mit den Tränen.
Die Kosten würde sogar das Göttinger Sozialamt übernehmen. Aber eine entsprechende Berechnung vom 8. September ergab: Das Einkommen des Ehepaares Buhre liegt exakt 73 Cent über dem errechneten Regelbedarf. 73 verflixte Cent im Monat! Doch die Bürokratie kann keine Rücksicht darauf nehmen. Immerhin versuchten die Mitarbeiter im Göttinger Rathaus auch weiter, den Buhres zu helfen. Ihr Tipp: Eine einmalige Zuzahlung und die Übernahme einer möglichen Kaution sowie der Renovierungs- und Umzugskosten zu beantragen. Nun tat sich aber ein neues Problem auf: Das Auto der Buhres fließt mit einem Wert von rund 5 000 Euro als Vermögen des Ehepaares in die Berechnungen mit ein. Und schon gibt es keinen Zuschuss für den Umzug mehr!
Die Lösung: Entweder das Auto verkaufen oder eine Bescheinigung vorlegen, dass Werner Buhre auf den Wagen angewiesen ist. Die lag durchaus vor: „Herr Werner Buhre befindet sich seit November 2005 in unserer stationäre und ambulanten Betreuung (...). Zum Wahrnehmen der ärztlichen Untersuchungs- und Behandlungstermine dieser Erkrankung ist Herr Buhre auf ein Auto angewiesen“, heißt es in einer ärztlichen Bescheinigung des Zentrums Innere Medizin, Abteilungung Hämatologie und Onkologie. Das reichte dem Sozialamt aber noch lange nicht aus, es forderte eine „amtsärztliche Begutachtung durch das Gesundheitsamt der Stadt Göttingen“. Die nächste Hürde, während den Buhres die Zeit davon lief, denn die Wohnung im Nachbarhaus steht ja nicht ewig leer.
„Diese Begutachtung dient dazu, im Rahmen der Antragstellung eine sachgerechte Entscheidung treffen zu können. Ihr Sachbearbeiter / Ihre Sachbearbeiterin verfügt nicht über die entsprechenden medizinischen Fachkenntnisse, um eine Beurteilung Ihrer gesundheitlichen Situation vornehmen zu können“, hieß es in dem Schreiben weiter. Auch wenn es nur ein kurzer Weg vom Sozialamt zum Gesundheitsamt der Stadt Göttingen ist, mit dem Termin dauerte es vier Wochen, am vergangenen Montag wurde Werner Buhre von einem Amtsarzt des Gesundheitsamtes untersucht. Über Werner Buhres Krankheit und die Dringlichkeit des Falles war der Amtsarzt nicht informiert. „Der wusste von nichts und hat sich eine Menge Unterlagen kopiert“, so Werner Buhre, der jetzt darauf wartet, dass die Stellungnahme des Göttinger Gesundheitsamtes beim Göttinger Sozialamt ankommt. Am Freitag war dort noch kein Ergebnis eingetroffen, auch eine EXTRA TIP-Anfrage blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet, zumal der untersuchende Amtsarzt krank geschrieben war.
Die Behörden lassen sich Zeit. Zeit, die das Ehepaar Buhre nicht hat: Vergangene Woche wurde Werner Buhre von der Städtischen Wohnungsbau aufgefordert, die Kündigung der jetztigen Wohnung zurückzunehmen. Die frei stehende Wohnung nebenan müsse nun endlich weiter vermietet werden, die Buhres hätten bis Montag, 13. November Zeit, sich zu entscheiden und die Finanzierung endgültig zu klären.

