Donnerstag, 09. Februar 2012

- letzte Aktualisierung: 08.02.2012 um 02:49 Uhr


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Tschernobyl-Hilfe in Adelebsen

Helfer mit großen Problemen

Im Geburtshaus in Novosybkow: Die Mütter müssen für Nahrung, Bettwäsche und sogar viele Medikamente selber sorgen. Dazu die Sorge: Welche Zukunft hat ein Baby, das in der Tschernobyl-Region geboren wurde? Foto: privat

Im Geburtshaus in Novosybkow: Die Mütter müssen für Nahrung, Bettwäsche und sogar viele Medikamente selber sorgen. Dazu die Sorge: Welche Zukunft hat ein Baby, das in der Tschernobyl-Region geboren wurde? Foto: privat

Am 26. April 1986 kam es in dem russischen Kernkraftwerk Tschernobyl zur Katastrophe. Nach Kernschmelze und Explosion reichte die Verseuchung bis Deutschland. Am schlimmsten traf es natürlich die Menschen in der Unglücksregion. Die Katastrophe ist inzwischen bei vielen in Vergessenheit geraten. Auch von den vielerorts entstandenen Hilfsprojekten für Kinder sind viele eingeschlafen. Nicht so in Adelebsen: Der Verein für humanitäre Hilfe für Kinder aus Tschernobyl und anderen Ländern e.V. ermöglicht seit 1990 alle zwei Jahre rund 20 Kindern, sich in Südniedersachsen zu erholen und bringt Hilfsgüter in die Tschernobyl-Region. Die Spendenbereitschaft ist groß, aber die Behörden machen neuerdings Probleme.

Im DGB-Ortskartell Adelebsen wurde 1990 beschlossen, Kindern aus Tschernobyl zu helfen. Daraus ist ein Hilfsprojekt geworden, auf das sich die unterstützten Dörfer mit ihren Waisenhäusern, Kindergärten und Schulen verlassen können. Die Zusammenarbeit ist gut, längst sind Freundschaften fürs Leben geschlossen worden. „Unser Vorteil ist, dass die Kinder nicht vom Staat ausgesucht werden, sondern von einer Lehrerin vor Ort. Die Erholung soll nämlich vor allem Kindern aus sozial schwachen Familien zugute kommen“, berichtet Gudrun Prutschke, die erste Vorsitzende des Vereins.
Das Elend vor Ort haben sie und ihr Mann, Ortsbürgermeister Kurt Prutschke, sowie viele andere ehrenamtliche Helfer aus Adelebsen schon mehrmals gesehen: „Es fehlt an den einfachsten Dingen. Die Kinder werden mit Mondamin gefüttert, weil es an Kindernahrung fehlt. Im medizinischen Bereich ist die Freude groß über so einfache Sachen wie Watte und Einweghandschuhe!“
Die Kinder sind schwer krank: Lymphdrüsenkrebs, Wachstumsstörungen, Magengeschwüre, Missbildungen,... „Die Verstrahlung reicht aus um noch mehrere Generationen krank zu machen“, weiß Prutschke. Die soziale Not tut ihr übriges. Gudrun Prutschke erinnert sich an Zwillingsmädchen, die unter den ersten Gastkindern überhaupt waren: „Aus den beiden sind längst junge Frauen geworden, die selber Kinder haben. Als sie sich jetzt ein Haus bauen mussten, haben sie sich das Holz dafür aus einer nicht bewohnbaren Zone geholt – es gab kein anderes Baumaterial, das sie sich hätten leisten können.“
In Erinnerung geblieben ist ihr auch der kleine Junge, der im Logo des Vereins zu sehen ist: „Seine Mutter wurde ermordet, sein Vater sitzt im Gefängnis. Er ist uns begegnet, als er auf Essenssuche war. Sonst haben wir immer Nahrung im Auto, an diesem Tag nur eine Tüte Gummibärchen – über die er sich so gefreut hat!“ Die erste Vorsitzende der Tschernobyl-Hilfe versucht, den jetzigen Aufenthaltsort des Jungen herauszufinden, um ihn zu treffen. Ein anderer Traum von ihr: „Einmal mit Putin durch die Dörfer gehen und ihm die armen Würmchen in den Waisenhäusern zeigen. Die Schwangeren, die von der Bettwäsche über die Nahrung bis hin zu Medikamenten alles auf die sehr spärlich und veraltet eingerichtete Entbindungsstation mitbringen müssen.“
Hohen Respekt hat die Adelebserin vor den Ärzten, Lehrern und Kindergärtnerinnen, die in dem verstrahlten Gebiet arbeiten: „Sie erhalten zusätzlich zu ihrem Gehalt – wenn sie es denn erhalten – eine Art Gefahrenzulage. Sarkastisch wird das Sterbegeld genannt. Aber sie kümmern sich so hingebungsvoll um die Kinder, da macht das Helfen Spaß und wir sehen auch jedes Mal, das unsere Hilfe etwas bewirkt.“
Prutschkes Augen leuchten auf, wenn sie berichtet, wie die Kinder den Aufenthalt in Südniedersachsen genießen. Mindestens 20 sind es alle zwei Jahre, im Alter von 6 bis 14 Jahren. Sie verbringen vier Wochen im Haus Hoher Hagen neben dem Dransfelder Gaußturm. Grillabende, Ausflüge, Spiel und Spaß,... „Die Kinder kommen ganz still und grau aus dem Bus und man kann richtig zusehen, wie sie aufblühen. Sie bekommen Farbe, werden wieder zu fröhlichen Kindern, die mal alles vergessen können und einfach Spaß haben!“
Weil die Hilfe so erfolgreich ist, gibt es viele, die den Verein unterstützen. Die Spedition Zufall hilft beim Transport der Hilfsgüter, der gemeinnützige Fahrdienst chauffiert die Kinder, die Fleischerei Kuhnert kocht für die kleinen Gäste, viele Firmen spenden großzügig Geld, zahlreiche Menschen bringen Sachspenden... nur die russische Bürokratie macht immer mehr Schwierigkeiten.
Viel Papierkram gab es immer schon zu erledigen. Und die Grenzkontrollen beim Hilfsgütertransport nehmen schon mal 20 Stunden in Anspruch. Prutschke: „Manchmal stimmt angeblich ein Stempel nicht. Einmal mussten wir auf ein Papier aus Moskau warten, um einen alten Kinderwagen mitbringen zu dürfen!“ Manchmal geht es nur mit Beziehungen: An einem Grenzübergang arbeitet ein ehemaliger Schüler der russischen Lehrerin, mit der Gudrun Prutschke befreundet ist. Aber das hilft nicht immer...
Einen echten Tiefschlag musste der Verein in diesem Jahr von der russischen Regierung hinnehmen. Um mit Hilfsgütern nach Russland reisen zu dürfen, braucht man eine offizielle Einladung der Menschen vor Ort. Mit dieser muss man neuerdings persönlich im russischen Konsulat in Berlin vorstellig werden. Kein Problem für das engagierte Ehepaar Prutschke. Berlin ist schließlich immer eine Reise wert. Diese aber war eine Katastrophe: „Die Papiere waren wie immer, wir wissen ja schließlich, wie es geht. Angeblich braucht man jetzt aber auch den Stempel und die Unterschrift des Bezirksbürgermeisters. Diese Bestimmung kann man aber nirgendwo nachlesen. Die Herren ließen nicht mit sich reden und wir mussten ergebnislos abreisen.“ Ein ganzer Lagerraum voll Hilfsgüter und keine Erlaubnis zu helfen!
Zum Glück bekommen die Helfer jetzt Hilfe aus Hameln: Der dortige Tschernobyl-Verein hat eine Erlaubnis erhalten und wird die Güter aus Adelebsen mitnehmen und in der Partnerregion abliefern.
So können die Vorbereitungen für die nächsten kleinen Gäste, die im Spätsommer 2007 eintreffen werden, angegangen werden. Dafür müssen vor allem fleißig Spenden gesammelt werden. 10 000 bis 15 000 Euro kostet die Erholungsreise jedesmal.
Wer dem Verein bei seiner Arbeit helfen möchte, spendet auf das Konto Nummer 54 00 77 11 bei der Sparkasse Göttingen (BLZ 260 500 01) oder nimmt Kontakt über Telefon 05506 / 270 auf.

Dem Besuch aus Adelebsen werden stolz die Fahrräder vorgeführt – davon gibt es nur ganz wenige in Turosna! Foto: privat

Dem Besuch aus Adelebsen werden stolz die Fahrräder vorgeführt – davon gibt es nur ganz wenige in Turosna! Foto: privat

Wenn im Kindergarten in Rasny die Süßigkeiten aus Deutschland verteilt werden, stehen die Kinder brav an. Foto: privat

Wenn im Kindergarten in Rasny die Süßigkeiten aus Deutschland verteilt werden, stehen die Kinder brav an. Foto: privat

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