Donnerstag, 17. Mai 2012

- letzte Aktualisierung: 17.05.2012 um 02:24 Uhr


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Göttingen: Hochwasserschutz

Leine tiefer legen

Foto: Wenzel

Foto: Wenzel

Das vergangene Wochenende zeigte es auf: Wenn die Leine Hochwasser führt, muss immer irgendwo mit Schäden gerechnet werden. In Göttingen gibt es Pläne, den Hochwasserschutz zu verbessern. Doch die Naturschützer schlagen Alarm: Die Fischarten Groppe und Bachneunauge, die im Göttinger Bereich der Leine heimisch sind, sind in Gefahr!

(Göttingen / bb) Gerade einmal einige Tage Dauerregen wirkten sich auf den Pegel der Leine massiv aus. Auf 2,59 Meter, normal sind 80 bis 90 Zentimeter, schwoll das sonst so zahme Gewässer in kürzester Zeit an – die Rettungskräfte waren in Dauerbereitschaft. Wie würde das erst aussehen, wenn zum Dauerregen noch die Schneeschmelze dazugekommen wäre? Das mag man sich kaum vorstellen. Wie sagte Landrat Reinhard Schermann so treffend: „Das Wasser findet seinen Weg.“
Es steht zu befürchten, dass im Falle eines richtigen Hochwassers die Probleme für die Stadt und den Landkreis Göttingen erheblich größer werden. Das liegt hauptsächlich daran, dass man allen Fluss- und Bachläufen, auch noch in der jüngsten Vergangenheit, viel zu wenig Raum gelassen hat und die Betten bei jedem Hochwasser schnell an ihre Grenzen kommen. Bemerkt haben das die Anwohner im neuen Schneeweiß - Neubaugebiet, das idyllisch nah am Leineufer liegt. Eigentlich sehr schön, aber das Grundwasser stieg und stieg und die Anwohner bekamen nasse Füße.
Und auch in Niedernjesa ist man noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. „Zwar liefen die Pumpen bis zum Donnerstag“, berichtet Jörg Wieland, SPD-Fraktionsvorsitzender im Kreistag, der in Niedernjesa wohnt. „Doch zum Glück war das Hochwasser nicht zu hoch, sodass wir beobachten konnten, wo wir unbedingt handeln müssen.“
Zurück nach Göttingen: „Die Möglichkeit, ein Regulativ vor der Stadt zu schaffen, wurde vom politischen Raum nicht ernsthaft genug verfolgt“, so Ralph Mederake von der Kreisgruppe Göttingen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Gemeint ist die Möglichkeit, die Leine auf Höhe Reinshof im Notfall weitläufig aufzustauen und das Wasser mehr oder weniger kontrolliert durch die Stadt Göttingen fließen zu lassen. „Die Landesregierung hatte von dem nicht ganz preisgünstigen Projekt Abstand genommen – und in Göttingen wurde das einfach so hingenommen“, beklagt Mederake.
„So wie das am vergangenen Wochenende abgelaufen ist, darf es sich nicht wiederholen“, ist sich auch Wieland sicher. „Es müssen sich endlich alle Leineanrainer an einen Tisch setzen“, fordert er und hofft, dass es eine Lösung für das Leinehochwasser gibt. „Denn die Probleme mit dem Wasser haben deutlich zugenommen.“ Überall würden weitere Neubaugebiete an die ohnehin schon überlasteten Kanalisationen angeschlossen, für die Autobahn A 38 sind weitere große Flächen versiegelt worden, die Landwirte arbeiteten mit schwerem Gerät und verdichteten den Boden, so Wieland. „Aus diesen Gründen steigen die Pegel erheblich schneller und auch das muss unbedingt bedacht werden“, fordert Wieland. „Leider sieht jeder immer nur seinen Bereich und schaut nicht über den Tellerrand hinaus.“
Eine Ahnung, dass es mit der Leine so nicht weiter gehen kann, haben die Göttinger Verantwortlichen schon. Nach dem Motto „schnell mehr Wasser durch die Stadt“, plant die Stadt aber, die Leine auf einer Strecke von 1,1 Kilometern im Stadtgebiet um 40 Zentimeter auszubaggern und die Deiche auf der Ostseite zu erhöhen. Das Projekt war schon vor zwei Jahren einmal auf der Tagesordnung gewesen, wurde damals aber zurückgestellt – auch wegen Eingaben der Naturschützer.
Nun sind die Planungen zu „98 Prozent unverändert“ (Mederake) wieder auf den Tisch gekommen und die Naturschützer schlagen Alarm: „Diese Maßnahmen bedeuten erhebliche Eingriffe in den Fließgewässerlebensraum der Leine und des angrenzende Baumbestandes“, so Hans-Heinrich Dörrie von der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen (BSG). Zudem könnte das geplante Vorgehen auch gegen das europäische Recht verstoßen, denn es befinden sich schützenswerte Fischgattungen, zumeist Kieslaicher, in diesem Bereich. „Die Stadt hat wohl eine Ahnung, dass sie in ein Ökosystem eingreifen will, die Planungen verraten ein schlechtes Gewissen“, so Mederake. Denn es ist geplant, in Fünf-Meter-Abschnitten und mit Umgehungsrinnen zu arbeiten – um so den schützenswerten Fischen eine Chance zu geben. Und davon gibt es in der ziemlich naturfernen Leine im Göttinger Stadtgebiet weitaus mehr als erwartet. Sieben hier heimische Arten stehen auf der Roten Liste Deutschland, fünf auf der niedersächsischen und zwei, die Groppe und das Bachneunauge stehen sogar unter europäischem Schutz. Dieses hätten die städtischen Gutachter nicht berücksichtigt, so Mederake und Dörries. Ebensowenig, dass die geplanten Kiesbänke beim nächsten Hochwasser einfach weggespült werden würden und die 30 000 Euro für ihre Einrichtung einfach in Richtung Bovenden davon schwimmen würden.

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