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Wunderwaffe DNA: Fälle nach Jahren aufgeklärt
Mörder, aufgepasst!
Ob Blut, Speichel- oder Spermareste, Haare oder Hautschuppen, ein Täter hinterlässt an jedem Tatort seine Spuren und kann dank der DNA auch nach Jahren noch ermittelt werden. Foto: LKA
Die DNA hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer wahren Wunderwaffe entwickelt. Seit nunmehr fast 20 Jahren kommt sie erfolgreich in der Kriminalistik zur Anwendung und ist heute aus der polizeilichen Ermittlungsarbeit nicht mehr wegzudenken. Viele Morde und andere Kapitalverbrechen können so auch noch Jahre später erfolgreich aufgeklärt werden. In einer zweiteiligen Serie beschäftigt sich der EXTRA TIP mit der DNA und ungeklärten Mordfällen. Teil 1 beinhaltet die Erfolge der DNA-Analyse, einen Bericht über die Göttinger DNA-Spezialisten (unten) und ein Interview mit dem Sprecher des Landeskriminalamtes (Seite 9). Im 2. Teil am kommenden Sonntag geht es dann um ungeklärte Mordfälle und die Frage „Wer ermordete die Lehrerin Monika Körtke“, ein bisher ungeklärter Fall aus dem Jahr 1991.
Die erste Anwendung einer genetischen Methode in der Kriminalistik fand 1986 auch wieder in England in der Mordsache Dawn Ashworth in Enderby statt. Dabei stellte man eine Übereinstimmung zu einem Mord aus dem Jahre 1983 fest. Ein erster Tatverdächtiger konnte ausgeschlossen werden. Daraufhin wurden über 500 Männer zwischen 13 und 30 Jahren untersucht und der Täter konnte überführt werden.
In Deutschland wurde 1988 erstmals die DNA-Methode im Mordfall Mrosek in Berlin angewandt. Jedoch erfolgte die Untersuchung der Blutproben damals noch in England. Der erste Gen-Massentest fand zehn Jahre später (1998) in Niedersachsen im Mordfall Nelly statt. Er ist bis heute mit einem Untersuchungsumfang von immerhin 18 000 Proben unübertroffen.
Die so genannte Trefferstatistik gibt an, in wie vielen Fällen durch die DNA-Bestimmung ein Zusammenhang zur Tatortspur oder zum Verursacher (Täter) hergestellt werden konnte. Demnach wurden in Niedersachsen seit dem 17. April 1998 bis August 2007 nach Angaben des Landeskriminalamtes rund 6 000 so genannte Treffer erzielt. Die bundesweiten Treffer verteilen sich überwiegend auf folgende Deliktsbereiche: Diebstahl 33 975 Raub, Erpressung 2 889 Sexualstraftaten 1 012 Tötungsdelikte 486
Die kriminaltechnische Untersuchung des Sexualdelikts und Mordes an Christina N. im Jahr 1998 mit breit angelegter Reihenuntersuchung (etwa 18 000 Vergleichsproben, davon rund 12 000 untersucht bis zur Feststellung des Spurenverursachers) war der eigentliche Auslöser zur Einrichtung einer Personen- und Spurendatei auf DNA-Basis in Deutschland. So führte schon nach rund einem Jahr Datenbankbetrieb der erste niedersächsische „Treffer“ zur Ermittlung eines Serieneinbrechers im Raum Lüneburg.
Auch bei Mordfällen ist die DNA heute aus der polizeilichen Ermittlungsarbeit nicht mehr wegzudenken. So konnte beispielsweise im Jahr 2001 der seit 1984 ungelöste Mord an Brigitte K. aufgeklärt werden. Ihre Leiche war im Dezember 1984 am Ufer eines Kiesteiches bei Hannover, halb im Wasser liegend, gefunden worden. Die kriminalistischen und kriminalwissenschaftlichen Untersuchungen führten seinerzeit nicht zur Ermittlung eines Tatverdächtigen. Im Jahr 2000 wurden die Ermittlungen wegen der nunmehr zur Verfügung stehenden Recherchemöglichkeit in der DNA-Analysedatei wieder aufgenommen. Reste der über 16 Jahre tiefgekühlt gelagerten Spermaspuren am Opfer ermöglichten die Bestimmung eines recherchefähigen DNA-Musters. Die Recherche ergab einen Treffer und führte zur Festnahme und Verurteilung des Verursachers der Spermaspuren.
Ähnlich erfolgreich verlief die Untersuchung und Recherche einer (Fremd-)Blutspur am T-Shirt der elfjährigen Nadine S., die im Jahre 2002 von einer zunächst unbekannten Person in einem Waldstück bei Langenhagen fast zu Tode gewürgt worden war. Aufgrund des Treffers konnte der Spurenleger aus dem familiären Umfeld des Kindes festgenommen und mittlerweile verurteilt werden.
Fünf Jahre blieb die Vergewaltigung einer 42-jährigen Frau aus Melle bei Osnabrück im Jahr 1997 ungeklärt, bis die Vergleichsprobe eines wegen einer Raubstraftat Verurteilten in die DNA-Analysedatei eingegeben wurde. Es kam zum Treffer mit dem seit längerem gespeicherten DNA-Muster einer Spermaspur am Opfer. Der Täter konnte festgenommen werden.
Der sexuelle Missbrauch eines elfjährigen Mädchens in Wilhelmshaven im Jahr 1998 konnte durch Datenbankrecherchen ebenso aufgeklärt werden wie insgesamt 18 weitere Sexualdelikte im Raum Hamburg. Mit Hilfe der Genanalyse wurde im März 2003 auch die 19-jährige Mutter des toten Babys von Burgdorf überführt. Unter dem Druck des Testergebnisses hat die Bäckereiangestellte das Tötungsdelikt schließlich gestanden.
Die DNA-Analytik überführte im April 2003 – mehr als vier Jahre nach der Tat – auch einen 34-jährigen Braunschweiger Vergewaltiger. Das Opfer war 1998 nach dem „Magni-Fest“ am Löwenwall sexuell missbraucht worden. Die gesicherten DNA-Spuren wurden dem Täter zum Verhängnis, nachdem er im Jahr 2000 erneut, diesmal eine 17-jährige Schülerin, sexuell missbrauchte. Das DNA-Muster lag bereits in der Datenbank ein. Das Amtsgericht erließ Haftbefehl.
Auch in der jüngsten Vergangenheit wurden durch DNA zahlreiche Verbrechen aufgeklärt, zum Teil viele Jahre nach der Tat. So wurde unlängst ein 48-jähriger Familienvater aus Dahlenburg bei Lüneburg verhaftet. Nach einem routinemäßigen DNA-Abgleich kam heraus, dass er 1980 in Hamburg eine damals 79-Jährige erdrosselt und beraubt hatte.
In Hannover konnte in diesem Jahr 16 Jahre nach einem Messer-Mord im Drogenmilieu der mutmaßliche Täter verhaftet werden. Das System meldete im Sommer sofort eine Übereinstimmung, als das Profil des Drogenabhängigen in die DNA-Datenbank eingegeben wurde. Fast 16 Jahre nach der Tat, am 3. August 2007, erließ das Amtsgericht Hannover Haftbefehl, der am 7. August vollstreckt werden konnte. 16 Jahre nach der Tat ist auch der Mord an Lehrerin Monika Körtke noch immer ungeklärt...
Was ist DNA?
Erbsubstanz in jedem Zellkern enthalten
Die DNA (Desoxy nucleic acid, Desoxynukleinsäure) ist die Erbsubstanz aller Lebewesen (Menschen, Tiere, Pflanzen, Bakterien, Viren) und enthält die äußerlich sichtbaren (und unsichtbaren) Eigenschaften eines jeden Organismus. In komplexer aufgebauten Organismen ist sie im Zellkern enthalten. Die DNA als Erbsubstanz ist in allen Lebewesen wie zum Beispiel Zwiebel, Mais, Huhn, Frosch, Biene oder Maus vertreten. Sie besteht beim Menschen aus vier Basisbausteinen (A, T, G und C), die mehrere Milliarden Mal hintereinander angeordnet sind. Wie ein Schneckenhaus gedreht sind sie in Form von Doppelfäden miteinander verbunden. Um diese Platz sparend in jeden Zellkern unterzubringen, ist die DNA in Chromosomen verpackt, die sich in jeder kernhaltigen Zelle des Körpers befinden.
Der Mensch hat 46 Chromosomen (Foto), davon zwei Geschlechtschromosomen, die Fruchtfliege zum Beispiel nur acht. Aufgerollt wäre der DNA-Strang des Menschen in jeder Zelle etwa zwei Meter lang! Die in Chromosomen „verpackte“ Erbsubstanz enthält nur zu etwa fünf Prozent codierende Bereiche (Gene). Diese Bereiche sind „konserviert“, das heißt nicht variabel und bei allen Menschen gleich. Rund 95 Prozent sind „Füllmaterial“, das keine bisher bekannten lebensnotwendigen Informationen enthält. Diese Bereiche sind variabel und bei allen Menschen unterschiedlich.
Suchen und sichern
Göttinger DNA-Spezialisten rund 500 Mal pro Jahr im Einsatz
In der DNA-Analytik des Landeskriminalamtes Niedersachsen in Hannover sind heute 40 Mitarbeiter beschäftigt. Hier werden sämtliche DNA-Spuren gesichert und ausgewertet und DNA-Profile in die Datenbank eingegeben. Auch die aus Göttingen und Umgebung. In der Universitätsstadt sind Kriminalhauptkommissar Reinhard Niemeyer und sein Team für die DNA zuständig. Niemeyer leitet das Kommissariat Kriminaltechnik, das neben dem Erkennungsdienst auch für die Spurensuche am Tatort und DNA-Proben zuständig ist.
Rund 500 Mal im Jahr werden die Göttinger DNA-Spezialisten zum Eimsatz gerufen, vom Zigarettenautomaten-Aufbruch bis zum Tötungsdelikt. „Eine Kosten-Nutzen-Rechnung gibt es nicht, das muss uns allein die Gerechtigkeit wert sein“, sagt Niemeyer. Die Aufgabe seiner Truppe ist die Spurensuche am Tatort und die kann sich je nach Schwere des Verbrechens unterschiedlich lang hinziehen: „Bei einem Tankstellenraub dauert das vielleicht drei bis vier Stunden, bei einem Kapitalverbrechen wie Vergewaltigung oder Mord kann sich das auch schon mal eine ganze Woche hinstrecken“, rechnet Niemeyer vor.
Zunächst einmal müssen Tatort und Umgebung festgelegt und gesichert werden: „Dass anschließend gleich Kommissare und andere Beamte in Straßenschuhen und Mantel durch die Landschaft spazieren, gibt es nur im Fernsehen“, ergänzt sein Kollege Bernd Spörhase (Foto). In der Realität sieht das anders aus! Da werden nach Kapitaldelikten die weißen Spezialanzüge mit Handschuhen getragen und der Tatort nach allem abgesucht, was einen Täter überführen könnte: neben Fingerabdrücken also auch Hautschuppen, Haare, Fußabdrücke, Speichel- und Spermaspuren und vieles mehr.
Sind DNA-Spuren gefunden und gesichert worden, werden diese zum LKA nach Hannover gebracht, wo sie untersucht und gespeichert werden. Ein mögliches Ergebnis gibt es in ganz dringenden Fällen noch am selben Tag. Sind DNA-Spuren auch noch Jahre nach einem Verbrechen verwertbar? „Wenn zum Beispiel eine Tatwaffe im Trockenen liegt und nicht irgendwo in einem See, dann können wir auch noch nach Jahren verwertbare DNA-Spuren sichern“, sagt Niemeyer.
Erfolgreich waren die Göttinger Kriminalistiker auch bei der Überführung des Spielhallen-Mörders, der im April 2002 in Adelebsen eine verräterische Spur hinterlassen hatte. Ein von den Göttingern gesicherter Fußabdruck war ein entscheidendes Beweisstück vor Gericht, der Täter bekam lebenslänglich.
Schon über 6 000 Treffer
Interview mit LKA-Sprecher Frank Federau
486 Tötungsdelikte, 1012 Sexualstraftaten, 2 889 Raub- und Erpressungsstraftaten und 33 975 Diebstahlsdelikte sind seit der beim Bundeskriminalamt (BKA) 1998 eingerichteten DNA-Analyse-Verbunddatei geklärt worden. 610 000 Datensätze sind zurzeit in dieser Datei erfasst, davon sind „54 000 aus Niedersachsen mit bislang 6000 erzielten Treffern für dieses Bundesland“, so Frank Federau, Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) Niedersachsen. EXTRA TIP-Mitarbeiter Helmut Latermann sprach mit ihm über die Möglichkeiten und Grenzen der DNA-Analyse.
EXTRA TIP: „Seit wann gibt es die DNA-Technik?“
Federau: „Seit 1998 ist sie fester Bestandteil unserer Polizeiarbeit. Die DNA-Untersuchungsmethoden haben sich im Laufe der Zeit immer mehr verfeinert. Es ist aber nur ein Sachbeweis, der immer im Gesamtzusammenhang mit der Tat gesehen werden muss. Letztendlich entscheidet das Gericht.“
EXTRA TIP: „Welchen Stellenwert hat der Sachbeweis in einem Ermittlungsverfahren?“
Federau: „Der Sachbeweis ist ein objektives Gutachten und gibt Aufschluss über die Tat und den Täter. Idealerweise sollten mehrere Sachbeweise und auch Personenbeweise, also auch Zeugenaussagen, vorliegen. Es soll sich in der Gesamtheit wie ein komplettes Mosaik zusammenfügen.“
EXTRA TIP: „Gibt es den perfekten Mord ohne Spuren?“
Federau: „Grundsätzlich hinterlässt der Täter immer Spuren am Tatort. Die Frage ist bloß, ob sie erkannt, gesichert und auch ausgewertet werden können.“
EXTRA TIP: „Ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, dass der Täter überall Spuren hinterlässt?“
Federau: „Es werden zwar Spuren hinterlassen, diese sind aber nicht immer (komplett) auswertbar und führen daher nicht immer zum Tatverdächtigen. Es gibt gerade im DNA-Bereich in wenigen Einzelfällen manchmal so genannte Mischspuren, die keiner Einzelperson zuzuordnen sind.“
EXTRA TIP: „Viele ad acta gelegte Fälle werden wieder aufgegriffen und das vorhandene Spurenmaterial untersucht. Ist es zum Beispiel möglich, auch über zehn Jahre alte Spuren zu untersuchen?
Federau: „Bei geeigneter Lagerung ist die DNA unbegrenzt haltbar.“
EXTRA TIP: „Reicht auch eine Hautschuppe aus?“
Federau: „Sobald die Beweismittel einen unbeschädigten Zellkern enthalten, sind sie auch auf DNA auswertbar. Diese Spur wird von unseren Experten ausgeformelt und in die Datenbank eingegeben. Ein kleines Hautschüppchen enthält im Regelfall genügend Zellkerne.“
EXTRA TIP: „Wie lange dauert die Untersuchung im LKA und wie viele Anfragen gehen bei ihren Experten ein?“
Federau: „Die Experten haben reichlich zu tun und sind voll ausgelastet. Pro Woche erhalten sie rund 400 Anfragen/Anträge. Zeitintensiv ist nicht die einzelne DNA-Untersuchung im engeren Sinne, sondern die Tatsache, dass die meisten Spurenträger eine Vielzahl von unterschiedlichen Spuren beinhalten und die eigentliche Spur zum Tatverdächtigen erst mal gefunden werden muss. Deswegen können wir auch keine exakte Arbeitszeit benennen.“
EXTRA TIP: „Wird diese Auswertung nur bei Tötungsdelikten genutzt?“
Federau: „Sobald eine DNA-Spur erkennbar ist, wird sie von den Polizeikollegen vor Ort gesichert. Da ist es egal, ob ein Tötungsdelikt oder eine Sachbeschädigung aufgeklärt werden soll.“
EXTRA TIP: „Wie viele Spuren befinden sich im bundesweiten Bestand?“
Federau: „In der bundesweiten DNA-Analyse-Datei vom BKA und den Landeskriminalämtern sind seit 1998 insgesamt 610 000 Datensätze von Personen und Tatortspuren gespeichert. Allein Niedersachsen hat knapp 54 000 Datensätze eingestellt (Stand Mitte August 07). In 55 237 Fällen führten sie bundesweit bislang zu so genannten Treffern, das heißt zu dem Tatverdächtigen oder einer anderen Spur.“
EXTRA TIP: „Besteht also die berechtige Hoffnung, dass weitere ungeklärte Morde in Niedersachsen – auch in Göttingen - noch aufgeklärt werden?“
Federau: „Sollte noch entsprechendes Beweismaterial von den zurückliegenden Taten vorhanden sein, besteht für die Polizei eine realistische Chance, den Täter auch nach Jahren zu überführen. Es wäre kein Einzelfall, dass sich ein bislang unbekannter Straftäter über das plötzliche Erscheinen der Ermittlungsbeamten wundert...“
EXTRA TIP: „Vielen Dank für das Interview.“

