Donnerstag, 09. Februar 2012

- letzte Aktualisierung: 08.02.2012 um 02:49 Uhr


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Feuerwehr testet

Stell’ dir vor, es brennt und keiner kommt...

An vielen Stellen wird es richtig eng für die Retter – und damit auch für die, die gerade in Gefahr sind! Foto: Wenzel

An vielen Stellen wird es richtig eng für die Retter – und damit auch für die, die gerade in Gefahr sind! Foto: Wenzel

Keiner möchte es wahrhaben, doch die Gefahr, dass ein Feuer ausbricht, ist viel größer als gemeinhin angenommen. Durchschnittlich zwei Mal muss der komplette Löschzug der Göttinger Berufsfeuerwehr ausrücken – täglich! Der Rettungstransportwagen (RTW) fährt noch weitaus häufiger. Doch immer wieder gibt es für die Feuerwehrleute in ihren hochmodernen Wagen auf dem Weg zum Einsatzort große Probleme: Parkende Autos stehen im Weg und verhindern den schnellen Weg zum Notfallort. Der EXTRA TIP ist mit dem Drehleiterfahrzeug (DLK 23/12 L 32) der Göttinger Berufsfeuerwehr unterwegs gewesen und hat mehr als nur eine Ecke gefunden, an der es für das Fahrzeug fast kein Vorbeikommen mehr gab. Oder es im Notfall nur begrenzt einsatzfähig gewesen wäre.

firebrigade_2 (Göttingen/bb) Wilfried Backhaus und Markus Kaspari sind am Testtag die Besatzung der „Drehleiter“. Das Fahrzeug hat eine Länge von gut zehn Metern und ist 2,50 Meter breit. Los geht die Fahrt in Richtung Zietenterrassen. Hier gibt es einige Straßen, die rechtwinklig abknicken und wo zugleich Fahrzeuge geparkt sind. Es wird richtig eng: Das Feuerwehr-Fahrzeug, vorsichtig von Backhaus bewegt, muss über den Grünstreifen fahren, um die Kurve zu kriegen. Hätte dort noch ein weiteres Fahrzeug gestanden, wäre ein Durchkommen unmöglich gewesen. Wenden ist hier für das Fahrzeug ohnehin nicht möglich. Vorsichtig setzt Backhaus das Fahrzeug zurück, kein Spiegel soll in Mitleidenschaft gezogen werden.
Weiter geht es in der Göttinger Südstadt, in die Hermann-Eggers-Straße kommt das Fahrzeug nur mit Rangieren hinein. Gut, dass dort kein Fahrzeug steht, da wäre die Drehleiter nie vorbei gekommen. Aus der Hermann-Eggers-Straße links hoch und gleich wieder links in die Jobs-Böse-Straße. In der engen Straße stehen fast immer Autos im Weg. 100 Meter Fußweg scheint für viele Autofahrer unzumutbar, da parken sie lieber direkt vor dem Haus, ohne Rücksicht auf andere, ohne Rücksicht auch auf die eigene Sicherheit. Zum Glück sind es heute nur Kleinwagen. Das Passieren eines roten Toyotas erfordert die gesamte Aufmerksamkeit der Besatzung. Bei einem größeren Fahrzeug wäre hier Endstation gewesen. Aber auch hier geht kein Spiegel zu Bruch und kein Fahrzeuglack wird beschädigt. Backhaus beherrscht sein Fahrzeug.
Die Fahrt führt über die Danziger Straße in den Stegemühlenweg und sollte dann in die Reinholdstraße gehen. Das hätte auch fast geklappt, hätte nicht genau an der Ecke ein Lieferwagen nicht ganz regelgerecht geparkt. Wieder ist mehrfaches Rangieren angesagt, im Notfall würde nun wertvolle Zeit verloren gehen.
Ähnlich eng ist es auch in der Theodor-Storm-Straße. Da die meisten Menschen bei der Arbeit sind, steht nur ein ziemlich neuer Mercedes an der Straße. Doch der reicht aus, um die „Drehleiter“ zum Schneckentempo zu verdonnern. „Dabei hat das Fahrzeug richtig Power“, lacht Backhaus, nachdem auch dieses Hindernis überwunden ist. „Doch der Motor ist abgeregelt, mehr als 95 km/h sind nicht drin - und die erreichen wir in der Stadt höchstens einmal auf der Weender Landstraße.“ Etwa 250 Pferdestärken treiben den 18 Tonnen schweren Mercedes econic an, berichtet Kollege Kaspari.
Inzwischen ist schon der nächste neuralgische Punkt erreicht. Der knallrote Dreiachser biegt „Am Weißen Steine“ ein. Vierstöckige Häuser auf beiden Seiten, ebenso wie durchgängig Fahrzeuge am Straßenrand. Das ist genau der Ort, an dem das Fahrzeug im Notfall zum Einsatz kommen würde. Menschenleben retten in einer Höhe von über sieben Metern, das ist seine Hauptaufgabe. Es ist wieder Zentimeterarbeit für die Crew, hier überhaupt durchzukommen, ohne ein anderes Fahrzeug zu berühren. Um die Drehleiter auszufahren, ist es notwendig, dass auch die Stützen ausgefahren werden, damit in Höhen von über 30 (!) Metern Personen sicher geborgen werden können. Das geht hier allerdings nicht, weil die Fahrzeuge auf beiden Seiten dicht an dicht stehen. Im Falle eines Brandes in den mehrgeschossigen Wohnhäusern, die in der Regel nur über ein Treppenhaus verfügen, kann die Drehleiter nur begrenzt eingesetzt werden!
Natürlich ist den Bewohnern „Am Weißen Steine“ nicht entgangen, dass ein Feuerwehrfahrzeug vor Ort ist. Die Kinder finden es besonders spannend, als Kaspari den Korb, der auch eine Krankentrage nach oben befördern kann, schwenkt und die Drehleiter in atemberaubender Geschwindigkeit ausfährt. Aber richtig drehen kann er sie hier nicht, der Aufsatz ragt über die Fahrzeugbreite hinaus – und da stehen wieder Autos im Weg! Aus einem Gaubenfenster schaut eine Frau ungläubig heraus, vor ihrem Fenster im vierten Stock hat sich etwas bewegt – es war der leere Korb der Drehleiter. So etwas hatte sie noch nie erlebt... und so muss sie es gleich telefonisch weitergeben.
„Gerade hoch und ohne Last, das funktioniert noch mit den nur nach unten ausgefahrenen Stützen. Sehr problematisch wäre so das seitliche Kippen der Leiter geworden“, erklärt Frank Gloth, der beim Fachbereich Feuerwehr für den vorbeugenden Brandschutz zuständig ist. Er erläutert, dass bis zu einer Höhe von 22 Metern die Feuerwehr mit der Drehleiter in der Regel für den gesetzlich vorgeschriebenen zweiten Fluchtweg zuständig ist. Bei allen Gebäuden, die höher sind, muss es dann ein zweites Treppenhaus geben. Auch das schreibt das Gesetz vor. „Etwa 5,50 Meter Breite benötigt das Fahrzeug mit komplett ausgefahrenen Stützen, nur dann ist auch die Drehleiter zu 100 Prozent einsatzbereit", erklärt Backhaus.
Im Einsatzfall hätte es durchaus passieren können, dass mit den ausfahrenden Ständern die im Weg stehenden Autos „sanft“ zur Seite geräumt werden. „In solch’ engen Straßen sollte immer daran gedacht werden, Lücken zu lassen, damit im Notfall Einsatzfahrzeuge agieren können“ wünschen sich die Feuerwehrmänner, damit sie im Fall der Fälle ihre Arbeit machen können.
„Das unbedachte Parken von Fahrzeugen ist genauso leichtfertig wie das Abstellen von Fahrrädern oder Hausmüll in Treppenhäusern“, warnt Gloth. „Man sollte immer bedenken, dass es sich um Flucht- und Rettungswege handelt und diese frei halten.“

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