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Für Text zum 30-Jährigen Krieg: ExtraTiP-Redakteur prämiert

ExtraTiP-Redakteur Hendrik Kalvelage hat beim diesjährigen Göttinger Alexanderpreis den 2. Preis für seinen Text „Dreimal belagert – zweimal erobert, Göttingen im 30-jährigen Krieg“ erhalten. Hier gibt es den Artikel zum Nachlesen.

Dreimal belagert – zweimal erobert

Göttingen: 400 Jahre Ausbruch des 30-jährigen Krieges /

Spuren in Göttingen bis heute zu sehen

Hinter kleinen Details versteckt sich manchmal eine gr0ße Geschichte… Ein Wohngebiet im Göttinger Süden: Reihenhäuser, Bushaltestelle, Kinderspielplatz, viel Grün. Urbane Idylle im Jahr 2018. Nur ein unauffälliges Straßenschild weist darauf hin, dass an dieser Stelle vor bald 400 Jahren dramatische Dinge vor sich gingen, die sich tief in die DNA der Stadt eingegraben haben. Der Name der Straße lautet „An der Tillyschanze.“
Johann Tserclaes Graf Tilly, nach dem die Straße benannt ist, war einer der großen Heerführer des Dreißigjährigen Krieges, dessen Beginn 1618 sich in diesem Jahr zum 400. Mal jährt und der auch an Göttingen nicht spurlos vorüberzog. Ein Krieg, der Millionen Todesopfer forderte, große Teile Mitteleuropas verwüstete und von manchen als europäische „Urkatastrophe“ bezeichnet wird. Vordergründig ein Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten, ging es in dem jahrzehntelangen Wüten auch darum, wer die Vorherrschaft in Deutschland erlangt, das damals ein zerstückelter Bund von Einzelstaaten war. Erst der  Westfälische Frieden von 1648 machte den blutigen Kämpfen ein Ende.
In diesen Strudel geriet auch Göttingen mehrmals hinein. Womit wir wieder bei Tilly sind. 1626 belagerte der Heerführer der katholisch-kaiserlichen Truppen das protestanische Göttingen. Es war die erste von insgesamt drei Belagerungen, die die Stadt im Laufe des Krieges erdulden musste.
„Göttingen hatte zu dieser Zeit rund 5.000 Einwohner und war Teil der evangelischen Fürstentümer von Braunschweig-Lüneburg“, erläutert der Göttinger Stadtarchivar Ernst Böhme. „Mit seiner massiven Stadtmauer war Göttingen eine wichtige Festung.“ Grund genug für die kaiserlichen Truppen, die Stadt einzunehmen. Tilly ließ Göttingen deshalb unter Kanonenfeuer nehmen. Auf den umliegenden Hügeln, damals noch außerhalb des Stadtgebiets, errichteten die Soldaten temporäre Befestigungsanlagen aus Erdwällen, sogenannte „Schanzen“ – so erklärt sich der heutige Straßenname.
Von Tillys  Belagerung gibt es ein  eindrucksvolles Zeugnis: Im Göttinger Stadtmuseum hängt ein Gemälde, das nur wenige Jahre nach der Belagerung entstand. In Auftrag gegeben hat es der Rat der Stadt, vermutlich um die Schrecken des Krieges für die Nachwelt festzuhalten, sagt die Museumskuratorin Andrea Rechenberg. Das Gemälde zeigt die Gräuel des Krieges in ungeschönter Drastik: Kanonen speien Feuer, Truppen rücken gegen die Stadtmauern vor, Musketiere schießen aus Schützengräben, umliegende Dörfer wie Nikolausberg und Weende gehen in Flammen auf. Im Vordergrund hat der Maler einen Reiter positioniert, der die Kämpfe aus sicherem Abstand beobachtet und die Truppen befehligt: „Vermutlich soll die Figur Tilly darstellen“, so Rechenberg. Der Feldherr hatte Erfolg: Göttingen wurde von kaiserlichen Truppen besetzt, die Einwohner zum katholischen Glauben „zwangsbekehrt“, Klöster wiedereröffnet.
Doch der Glaubenswechsel war wohl noch die erträglichste Bürde, die die Göttinger Bevölkerung zu schultern hatte: „Die Soldaten quartierten sich in der Stadt ein und die Bewohner mussten für die Verpflegung aufkommen“, sagt Böhme. Plünderungen gehörten für die Söldner zur Tagesordnung. Die Versorgungslage war deshalb schlecht, zumal die Bewohner während der Belagerung nicht zu ihren Gärten gelangen konnten, die außerhalb der Stadtmauern lagen. Böhme: „Hunger und Krankheiten grassierten.“ Doch mit der Einnahme durch Tilly war für die Göttinger der Krieg noch lange nicht ausgestanden. 1632 versuchten protestantische Truppen, die Stadt zurückzuerobern; in den Straßen und Gassen tobten heftige Kämpfe, weil die kaiserlichen Besatzer erbitterten Widerstand leisteten. Aber auch dieses Mal setzen sich die Belagerer durch – der Spuk der Tilly-Truppen war zu Ende. Noch einmal – 1641 – drohte der Stadt Unheil durch kaiserliche Truppen. Wieder steht ein Heer vor den Stadtmauern, bereit zum Angriff. Doch diesmal ist Göttingen besser gewappnet – hält dem Beschuss stand; die Bewohner weigern sich, sich zu ergeben. Die Belagerer geben rasch auf und ziehen weiter. Der Dreißigjährige Krieg ist in Göttingen schon im 24. Jahr des Krieges vorbei. Auch von diesem glücklichen Ereignis lassen die Göttinger ein Gemälde anfertigen. Es ähnelt in Bildausschnitt und Perspektive dem ersten und hängt heute ebenfalls im städtischen Museum. Statt der dunkler Wolken klart der Himmel auf, ein Regenbogen wölbt sich über der Stadt. „Symbol für den glücklichen Ausgang der Belagerung“, so Kuratorin Rechenberg.
Die Kriegsbilanz fiel wie in vielen deutschen Landstrichen auch in Göttingen verheerend aus. Rund ein Drittel der Häuser war zerstört, die Hälfte der Einwohner nicht mehr da – getötet, verhungert, vertrieben. „In heutige Bevölkerungszahlen umgesetzt hieße das: 65.000 Einwohner weniger“, veranschaulicht Stadtarchivar Böhme die schier unfassbaren Dimensionen. Es dauert Jahrzehnte, bis sich die Stadt von den Verheerungen erholt hat. Erst um 1720 erreicht die Bevölkerungszahl wieder das Vorkriegsniveau – mehr als hundert Jahre nach Kriegsausbruch.
Und wofür das ganze Leiden? Ernst Böhme: „Religiös und politisch steht Göttingen nach dem Krieg wieder genauso da wie vorher. Der Krieg hat daran nichts geändert.“
Die großen Kriegsgemälde, die  der Göttinger Rat um 1645 zur Erinnerung an den Krieg erschaffen ließ, sind Teil der Dauerausstellung „Stadt. Macht. Glaube“ im Städtischen Museum Göttingen am Ritterplan. Geöffnet ist die Schau dienstags bis sonntags, der Eintritt ist frei. henk
[aus: ExtraTiP Göttingen Nr. 36, 8. September 2018, S. 6]