Freitag, 10. Februar 2012

- letzte Aktualisierung: 09.02.2012 um 15:44 Uhr


Leserservice

Haben Sie Fragen, Anre- gungen oder Probleme mit der Zustellung?

Extra Tip Öffnungszeiten:
Mo. bis Fr. 9:00 - 18:00 Uhr
Prinzenstraße 10-12
37073 Göttingen

Frag' den Wissenschaftler

Warum gefriert bei –40 Grad nur heißes Wasser sofort?

Foto: irisblende.de

Foto: irisblende.de

Die Antwort gibt Jürgen Vollmer.

Die Antwort:

Meine erste Reaktion auf diese Frage war: Das kann doch gar nicht sein! …und mit dieser Einschätzung reagierte auch der Physik-Lehrer des Schülers Erato Mpemba aus Tansania, der seinen Lehrer mit der Frage überraschte: „Please, sir, why is it that when you put both hot milk and cold milk into the refrigerator at the same time, the hot milk freezes first?“ (Deutsch: Bitte, Sir, warum gefriert  die heiße Milch zuerst, wenn man kalte und heiße Milch gleichzeitig in den Gefrierschrank stellt?) Später stellte er die Frage dem Physik-Professor Denis G. Osborne, der daraufhin systematische Experimente durchführte und die Resultate 1969 gemeinsam mit Erato Mpemba veröffentlichte. Wenn man nachforscht, findet man, dass ähnliche Beobachtungen schon von Klassikern der experimentellen Naturwissenschaften –  wie Aristoteles, Bacon und Descartes –  ausführlich beschrieben wurden; und bis heute stellen Eisverkäufer in Tansania ihre Milch heiß in den Kühlschrank, wenn sie an einem heißen Tag schnell Nachschub brauchen. Und Kinder in Kanada hält man dazu an, das Auto bei kaltem Wetter nie mit warmen Wasser zu waschen, weil es zu schnell gefriert.
Dennoch ist der Effekt den meisten Physikern nicht bekannt und oft bezweifeln sie zunächst die Sorgfalt des Experimentators, wenn sie davon hören. Schließlich hängt die Geschwindig­keit, mit der Wasser abkühlt, zunächst vom Unterschied  zur Umgebungs­temperatur ab. Und es ist nicht einzusehen, warum heißes Wasser, das ja einen größeren Temperatur­unterschied  zurücklegen muss, kaltes Wasser, das in diesem Sinne einen Vorsprung hat, einholen und dann sogar überholen kann! Die Veröffentlichung von Osborne und Mpemba bewirkte eine bis heute andauernde Diskussion, woran das liegen könnte. Dabei haben sich drei Lager gebildet, die sehr unterschiedliche Erklärungsansätze verfolgen:
1. Wenn sehr heißes Wasser in einer sehr kalten Umgebung abkühlt, kann ein erheblicher Teil verdampfen, wobei es dem verbleibenden Wasser noch Energie entzieht. Schlussendlich friert das verbleibende Wasser dann früher, aber es bildet sich eben auch deutlich weniger Eis, als wenn man kaltes Wasser ausgießt.
2. Wasser friert nur dann bei 0°C, wenn geeignete Verunreinigungen vorliegen, die das Bilden sehr kleiner Eiskristalle (sogenannter Embryonen) unterstützen. Ansonsten muss man es bis unter -7°C abkühlen. Neuere Forschungen weisen auf das überraschende Resultat hin, dass solche Verunreinigungen in zuvor erhitztem Wasser in größerer Zahl vorliegen, so dass es dann auch früher gefrieren kann.
3. Eine wesentliche Beobachtung bei dem von Mpemba betrachteten Abkühlen von Flüssigkeiten in einem geschlossenen Gefäß ist, dass sich in der heißen Flüssigkeit große Wirbel bilden, die Wärme sehr schnell nach außen tragen können. Dagegen wird die Wärme in einer sehr viel kälteren Flüssigkeit mittels der sehr viel langsameren Diffusion  -   also durch allmähliches Abdämpfen der Bewegung einzelner Atome - transportiert. Wenn die Wirbel lange genug leben, könnten sie dazu führen, dass die zunächst wärmere Flüssigkeit die Kalte beim Abkühlen überholt.
Das Verdampfen von Wasser ist sicher sehr wichtig, wenn beim Ausgießen von Wasser oder beim Waschen eines Autos eine sehr flache, weit ausgedehnte Wasserschicht vorliegt, über der sich schnell eine erhebliche Menge Dampf bildet. Auch mag es sein, dass heißes Wasser noch besser Kristallisationskeime für Eis-Embryonen aus der Erde lösen kann. Beim Abkühlen der Milch in dem Kühlschrank dagegen halte ich das Auftreten der Wirbel und die Beschleunigung des Wärmetransports für einen sehr wesentlichen Beitrag.
Abschließend lässt sich sagen, dass man inzwischen sogar noch weitere physikalische und chemische Effekten kennt, die in unterschiedlichen Situationen zu diesem überraschenden Effekt beitragen können, so dass schon ein leichtes Variieren der Bedingungen zu erheblicher Änderung der Beobachtungen führen kann. Verstanden hat die Wissenschaft diesen Effekt noch lange nicht!

Jürgen Vollmer
















Foto: bb

Der Wissenschaftler:

Jürgen Vollmer hat an der Universität Utrecht Physik studiert und wurde 1994 in Basel promoviert. Anschließend hat er am Max-Planck Institut für Polymerforschung (Mainz) und den Universitäten Essen, Brüssel und Marburg über die Modellierung komplexer Systeme gearbeitet. Seit Ostern 2007 leitet er die AG Prinzipien der Selbstorganisation am MPI für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen und seit 2009 ist er außerplanmäßiger Professor an der Georg-August-Universität Göttingen.

„Frag’ den Wissenschaftler“ mit Unterstützung des Max-Planck Institutes für Dynamik und Selbstorganisation

zurück