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Deponie Deiderode: Zwei Gärtürme geplatzt
7 Millionen Liter-Lawine
Katastrophe auf dem Gelände des Abfallzweckverbandes Südniedersachsen auf der Zentraldeponie Deiderode: Am Samstag gegen 6 Uhr sind zwei etwa 20 Meter hohe Vergärungsbehälter, so genannte Fermenter, zerborsten. Aus den zerstörten Türmen haben sich anschließend 4,5 Millionen Liter Gärschlamm und rund 2,5 Millionen Liter Regenwasser zu einer gigantischen Lawine entwickelt, deren riesiger Schwall sich über das ganze Gelände bis zu den nahestehenden Gewässern Leine und Schneenbach ergoss.
Landrat Reinhard Schermann: „Wir haben noch einmal Glück gehabt. Da das Unglück am Samstagmorgen passiert ist, sind keine Personen zu Schaden gekommen, es ist nur ein materieller, beherrschbarer Schaden entstanden.“ Für die Bevölkerung habe zu keinem Zeitpunkt ein Gefahrenpotenzial vorgelegen und durch den schnellen Einsatz der Hilfskräfte sei die Situation schnell unter Kontrolle gewesen. Die Unglücksursache ist weiterhin unklar, die Aufräumarbeiten werden noch Tage andauern. Die Staatsanwaltschaft hat Sachverständige eingeschaltet und ein Ermittlungsverfahren wegen Gewässerverunreinigung eingeleitet.
Kurz vor 6 Uhr am Samstag bemerkten Wachmänner auf der Zentraldeponie Deiderode das Unglück, alarmierten sofort die Rettungskräfte, um 6.03 Uhr ging der Notruf in der Leitstelle der Feuerwehr ein, um 6.15 Uhr waren die ersten Einsatzkräfte vor Ort. Ihnen bot sich ein Bild des Grauens. Sieben Millionen Liter Flüssigkeit - das entspricht in etwa dem Inhalt von knapp 40 000 Badewannen - können einen gewaltigen Schaden anrichten. Das Gemisch aus Gärschlamm und Regenwasser hatte das ganze Gelände verwüstet, Bäume und Sträucher mitgerissen, einen Heizöltank zerstört und den dritten noch leeren Turm einfach mal ein paar Meter beiseite geschoben. Der ist jetzt wahrcheinlich ebenfalls schrottreif. Die für so einen Notfall vorgesehenen Havariebecken konnten die Massen nur zu einem Teil aufhalten.
Der erste der beiden geplatzten Türme war erst im November in Betrieb genommen worden, der zweite mit Regenwasser gefüllte Fermenter sollte ausgerechnet am morgigen Montag in Betrieb gehen. In den Türmen wird biologischer Abfall vergart und zur Vergasung gebracht, um anschließend Energie daraus zu gewinnen. Der erste Fermenter funktionierte seit November reibungslos: „Die Ergebnisse und die Drucküberprüfungen waren tadellos. Deshalb sollte ja am Montag der zweite Behälter in Betrieb gehen“, so ein sichtlich verzweifelter Michael Rakete, Geschäftsführer des Abfallzweckverbandes Südniedersachsen (AS).
Der AS wurde von den Landkreisen Göttingen, Northeim, Osterode am Harz und der Stadt Göttingen mit dem Ziel gebildet, die Abfälle der Region wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll zu entsorgen, so wie es das neue Bundesgesetz vorschreibt. Aus diesem Grund wurde in den vergangenen Jahren auch die mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlage (MBA) am Standort der Zentraldeponie Deiderode für viel Geld errichtet. Und nun dieses Desaster!
„Über die Ursachen des Unglücks können wir zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Angaben machen“, so Schermann und Rakete.
Noch am Abend herrschte allgemeines Rätselraten, was die Türme zum Einstürzen gebracht haben könnte. „Sämtliche Sicherheitsvorschriften sind eingehalten worden, von der Genehmigung bis hin zu den einzelnen Bauabschnitten“, versicherte Schermann. Das Unglück sei bereits als Versicherungsschaden gemeldet worden, die Göttinger Staatsanwaltschaft hat erste Ermittlungen aufgenommen, der Unglücksort wurde von der Polizei beschlagnahmt. Jetzt sind die Gutachter an der Reihe, nach den Ursachen zu forschen.
Vergleichbare Fälle habe es bisher nicht gegeben, auch nicht nach Angaben der zuständigen Bremer Firma AMB. Ein zu lockerer Untergrund wird von den Experten als Unglücksursache bisher ebenso ausgeschlossen wie ein angestiegener Druck innerhalb der Behälter. Bleibt als Möglichkeit wie so oft nur noch ein Materialfehler oder technischer Defekt.
Die Hilfskräfte hatten indes allerlei zu tun. 115 Mitglieder der Umweltfeuerwehr des Landkreises Göttingen waren vor Ort, darunter auch die Fachberater Chemie und Biologie. „Die ersten Mess-Ergebnisse lagen gegen 7.15 Uhr vor. Danach war klar, dass keine Gefährdung der Bevölkerung und auch keine Explosionsgefahr bestand“, so Kreisbrandmeister Karl-Heinz Niesen. In der Folgezeit wurden von der Feuerwehr Ölsperren an allen Zuflüssen zur Leine gelegt, hoch hinauf bis nach Bovenden. „Wir erwarten deshalb auch kein Fischsterben. Und eine Gefährung des Trinkwassers ist ebenfalls auszuschließen“, so Schermann.
Die umfangreichen Aufräumarbeiten und das Abpumpen der gewaltigen Schlamm-Massen werden noch Tage andauern, ebenso die Arbeit der Gutachter. Und da kämpfen die Einsatzkräfte auch gegen den herannahenden Frost an, ein Wettlauf mit der Zeit! Wie aber geht es weiter? „Eine Entsorgung des Abfalls ist auch weiterhin gesichert, wenn auch über eine Zwischenlagerung“, so Schermann. Bereits am Montag werde man sich zusammensetzen, um nach kurz- und mittelfristigen Lösungen zu suchen.










