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Göttingen: Rund 3000 Analphabeten
Ausreden bestimmen ihr Leben
Im Labyrinth der Buchstaben: Angst und Ausreden bestimmen das Leben von Analphabeten. Fotos: BilderBox / Montage: Kolle
Der September steht ganz im Zeichen der Bundestagswahl. Nach Schätzungen des Deutschen Volkshochschul - Verbandes e.V. (DVV) dürften rund vier Millionen Menschen in Deutschland Schwierigkeiten beim Ausfüllen des Stimmzettels haben, weil sie nicht richtig lesen und schreiben können. Bei rund 750 000 Wählerinnen und Wählern könnte die Lesekompetenz sogar so mangelhaft sein, dass sie ohne fremde Hilfe überhaupt nicht wählen können.
Menschen zwischen 20 und 60 Jahren besuchen die Alphabetisierungskurse der VHS Göttingen, vorwiegend Männer. Einige werden vom Jobcenter oder Beschäftigungsförderung geschickt. „Wir haben schon tolle Erfolge mit unseren Kursen gehabt, es ist lohnenswert, sich auf diesem Gebiet zu engagieren“, sagen Gundula Laudin und Haide Faridani, Fachbereichsleiterinnen Sprachen. Zu diesen Erfolgen gehört auch die Geschichte von Manuela M.*. Die 24-Jährige hat es geschafft, die einstige Analphabetin macht derzeit ihren Realschulabschluss.
Ihre Eltern ließen sich kurz nach ihrer Geburt scheiden, schon der Vater war Analphabet, hatte nie eine Schule besucht. Manuelas Schicksal war damit schon vorbestimmt. In der Schule kam sie nicht mit, sie wurde auf die Sonderschule geschickt. Dass sie dort bis zur 8. Klasse durchkam, ohne Lesen und Schreiben zu können, war schon ein Wunder: „Geredet habe ich schon damals viel“, lacht die 24-Jährige heute darüber.
Sie war kein einfaches Mädchen, landete im Kinderheim, später mit 16 Jahren folgte Betreutes Wohnen in einer Wohngemeinschaft. „Damals habe ich mich auch gehen lassen und war nicht besonders fleißig“, blickt sie zurück. In der WG kam es dann heraus, dass sie weder lesen noch schreiben konnte. Die Betreuer meldeten sie zu einem Kurs bei der VHS Göttingen an. „Irgendwann, als ich so 21 Jahre alt war, hat es dann Klick gemacht, da habe ich angefangen zu kämpfen“, erzählt Manuela weiter. Und: „Ich wusste, dass ich immer älter werde und wenn ich es jetzt nicht schaffe, dann schaffe ich es nie!“
Früher traute sie sich kaum noch in Gesellschaft, sah selbst keine Perspektive mehr. Dann stand für sie fest: „Ich will nicht mehr abhängig und auf Hilfe angewiesen sein, ich will mir nicht mehr die Blöße geben, immer jemanden fragen zu müssen oder etwas zu verheimlichen.“ Wie so viele Analphabeten hatte sie all ihre Energie und Intelligenz dafür verwenden müssen, ihre Schwäche zu verbergen. Bei Behördengängen ließ sie sich von Betreuern helfen, um einkaufen zu gehen, hatte sie die Namen der Produkte auswendig gelernt, aufgeschnappt in Gesprächen, im Radio oder Fernsehen. Selbst mit 17 Jahren kannte sie keine Buchstaben, konnte mit Mühe und Not gerade ihren Vornamen schreiben, mehr nicht. „Am schlimmsten war es, wenn ich Klamotten umtauschen wollte. Da habe ich vor Panik keine Luft mehr bekommen und bin total verkrampft“, bestimmte die Angst ihr Leben.

Doch irgendwie mogelte sie sich immer durch. „Analphabeten sind sehr erfinderisch und finden immer eine Ausrede, sei es der Postbote, die Verkäuferin oder der Busfahrer. Über Ausreden könnte ich ein Buch schreiben“, lacht Manuela heute. Könnte sie tatsächlich! Denn der VHS-Kurs war der Start in ein besseres und neues Leben. Manuela lernte Lesen und Schreiben, im Sommer 2008 schaffte sie den Hauptschulabschluss. Heute paukt sie für den Realschulabschluss, in den wenigen freien Stunden liest sie „Das Perlenmädchen“ von Barbara Wood. „Ich bin sehr dankbar, das es diese Chance zum Lernen für mich gibt. Ich möchte auf eigenen Füßen stehen und einen Beruf ausüben“, plant Manuela schon ihre Zukunft. Eines Tages möchte sie in der Gastronomie oder im Hotelgewerbe arbeiten. „Diesen Schritt gehe ich auch noch! Und ich werde es schaffen“, gibt sich die 24-Jährige optimistisch.
„Ich bin allen sehr dankbar, dass sie mich unterstützt haben, meinen Schwestern, meiner Mutter und meinen Lehrern, denn ohne sie wäre ich untergegangen.“ Und alle, die sich bisher noch nicht getraut haben, möchte sie ermutigen: „Es ist, als wenn ein Knoten platzt. Und viel wichtiger ist: du kannst erst jetzt die Menschen lieben, die du früher nur als Feind und Gegner gesehen hast – weil du sie belügen musstest.“
Zahlen und Hintergründe
Trotz Schulpflicht können in Deutschland nach Schätzungen des Bundesverbandes Alphabetisierung bis zu vier Millionen Menschen nicht richtig lesen und schreiben. Weltweit schätzt die Unesco die Zahl auf 770 Millionen. Fast alle Analphabeten in Deutschland gelten als so genannte funktionale Analphabeten, das heißt, sie können zwar einzelne Buchstaben oder ihren eigenen Namen lesen und schreiben, sie sind aber nicht in der Lage, Schriftsprache für sich im Alltag zu nutzen.
Analphabetismus hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, als Ursache wirken oft viele Faktoren zusammen. Entscheidend sind dabei das Elternhaus und die Schule. Bei den meisten Analphabeten konnten schon die Eltern nicht richtig lesen und schreiben, Bücher waren in diesen Familien Mangelware. Die eigenen Kinder konnten so nicht unterstützt werden. Die eigene Geringschätzung wurde auf die nächste Generation übertragen, harte Strafen gehörten zum Alltag. Zweiter entscheidender Faktor ist und bleibt die Schule. Individuelle Förderung ist angesichts des Personalmangels oft nicht möglich. Kinder, die mehr Zeit benötigen, werden als störend empfunden oder auf die Sonderschule abgeschoben.

Analphabeten ziehen sich aus Scham auf beruflicher und gesellschaftlicher Ebene zurück. Sie sind ständig auf die Hilfe Dritter angewiesen und bestimmen eine Vertrauensperson aus dem Familien- oder Freundeskreis. Von dieser Person sind sie stark abhängig. Oft ist es ein konkreter Auslöser, dass die Menschen sich dazu entschließen, einen Alphabetisierungskurs zu besuchen, zum Beispiel der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Geburt eines Kindes, dem Mutter oder Vater natürlich Geschichten vorlesen möchten und das es einmal besser haben soll.
Die Volkshochschule Göttingen führt Kurse in „Lesen und Schreiben von Anfang an“ durch, um Analphabeten zu helfen. Vor der Teilnahme an einem Kurs steht eine Erstberatung. Die Vereinbarung da- rüber erfolgt in der Regel telefonisch unter 05 51 / 49 52 13 bei Gundula Laudin, VHS-Fachbereichsleiterin Sprachen (Foto). „Die Beratung sowie die Teilnahme an den Kursen ist streng vertraulich. Die Betroffenen können sicher sein, dass keine Namen und Daten an Dritte weitergegeben werden“, erklärt Laudin. Die Kurse stehen auch ausländischen Mitbürgern offen, sofern sie die deutsche Sprache ausreichend beherrschen. Die Kurse finden zweimal in der Woche abends mit insgesamt vier Unterrichtsstunden statt und laufen das ganze Jahr durch.
* Name von der Redaktion geändert

