Donnerstag, 09. Februar 2012

- letzte Aktualisierung: 08.02.2012 um 02:49 Uhr


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Wie steril sind sterile Verpackungen wirklich?

Der Kampf gegen die Bakterien

Foto: irisblende.de

Foto: irisblende.de

Die Zahl der resistenten Bakterien steigt rapide an! Jedes Jahr infizieren sich in Deutschland zwischen 500.000 und 800.000 Menschen (!) in unseren Krankenhäusern mit Keimen. Das ist keine Zahl so einfach aus der Luft gegriffen, sondern sie wurde vom Robert - Koch - Institut veröffentlicht.

(Göttingen/bb) Besonders gefährlich sind die multiresistenten Keime – gegen sie hilft auch kein Antibiotikum mehr. Die deutschen Kliniken sind häufig die Brutstätte der gefährlichen Bakterienstämme. Und ausgerechnet dort treffen sie auf immungeschwächte Menschen. Fieberhaft wird geforscht, um das Risiko von Krankenhausinfektionen zu vermindern. Wie es gehen kann, zeigen die Niederlande: Gründliche Desinfektion von Händen und Instrumenten beim Gang von Bett zu Bett und ein Bakterien­-screening sind dort Pflicht. Wird ein Befund festgestellt, kommt der Patient umgehend auf eine Isolierstation. Der britische Gesundheitsminister legte für Fachärzte des National Health Service (NHS) eine neue Kleiderordnung vor. Seit 2008 dürfen Klinikärzte keine langärmeligen Kittel mehr beim Patientenkontakt tragen. Die Unterarme müssen textilfrei sein, damit sie sich leichter waschen lassen.
Doch es gibt auch noch andere Wege, wie Keime in Krankenhäuser gelangen. Die Vorfälle im Klinikum in Mainz brachten es wieder einmal an den Tag: Um die Hygiene in den Krankenhäusern ist es nicht besonders gut bestellt. In Mainz starben drei kleine Menschen, weil sie mit Darmbakterien verunreinigte Infusionen verabreicht bekamen.  Natürlich versucht das Mainzer Krankenhaus herauszufinden, warum das passieren konnte. Es wurde eine Expertenkommission einberufen. Elf Kinder auf der Intensivstation hatten mit Darmbakterien verunreinigte Nährlösung bekommen, zwei Frühchen und ein Baby überlebten das nicht.
Die Spurensuche geht weiter und auch nicht an Göttingen vorbei. In der hiesigen Abteilung für Allgemeine Hygiene und Umweltmedizin der Universitätsmedizin hat sich Prof. Dr. med. Hartmut Dunkelberg (Foto) auf die Suche nach möglichen Infizierungswegen begeben.
Hartmut_Dunkelberg„Es darf einfach nicht sein, dass ein Mensch eine verunreinigte Infusion bekommt“, so Dunkelberg. Weit ab vom Göttinger Klinikum, in einem Laborgebäude in der Domäne Holtensen, sucht auch er nach möglichen Ursachen. „Natürlich kann man menschliches Versagen nie ausschließen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand mit einem Schuldeingeständnis meldet, ist doch sehr gering.“ Eine Möglichkeit einer Verseuchung liegt immer in der mangelnde Hygiene des Krankenhauspersonals selbst, die allzu häufig auf einfaches Händewaschen nach jedem Patientenbesuch verzichten. Zudem wird häufig relativ lax mit offenen Wunden umgegangen, so ist ein Besuch eines gerade gerichteten Beines mit Fixatoren ausgerechnet in der Kantine leider nichts außergewöhnliches.
Es liege nun an den Wissenschaftlern alle Möglichkeiten auszuschließen, damit so etwas in Zukunft nicht wieder passieren können, so der Göttinger Professor. Gegen menschliches Versagen sei allerdings schwer etwas zu tun.
Dunkelberg hat sich die sterilen Verpackungen vorgenommen. Sind diese wirklich so steril, wie die Hersteller behaupten? Ob Kanülen, Spritzen oder Schläuche, all’ diese Teile werden steril verpackt in den Kliniken angeliefert. Normalerweise besteht eine Verpackung aus einer undurchlässigen Plastikverpackung – auf der einen Seite. Doch verschlossen wird diese Packung mit einem Papier. Und genau durch dieses Papier, ist sich der Professor sicher, können Bakterien in eine „sterile“ Verpackung eindringen. Diese Papierverpackungsvariante ist notwendig, da zumeist Plastikteile steril gemacht werden müssen, ein radioaktiver Beschuss mit Gamma-Strahlen (Strahlensterilisation), wie bei Binden, kommt hier nicht in Frage, weil der das Plastik verändern – „weich“ machen – würde.
EO_Markierung„Nehmen Sie einmal ein Papier und pusten sie durch. Sie werden feststellen, dass Teile durchgelassen werden“, so Dunkelberg. Und auch die Sterilisation erfolgt auf diesem Weg. Sie wird mittels Gas erreicht, das natürlich auch durch die geschlossene Verpackung einströmt, um den Effekt zu erzielen. Einwegmaterial wird zumeist mit Ethylenoxid sterilisiert, auf der Verpackung ist die Bezeichnung „EO“ zu finden. „Wenn man sich nun vorstellt, dass Bakterien ebenso dort eindringen können, haben wir ein Problem identifiziert.“ Denn die Poren im Papier seien zumeist größer als die Bakterien. Zudem bemängelt Dunkelberg, dass eine sterile Verpackung keinerlei Auskunft darüber gebe, wie durchlässig der Papieranteil sei. „Bei Filtern sieht das ganz anders aus.“
Er holt einige Versuchsobjekte aus einem großen Wärmeschrank. Schalen mit einer Nährlösung waren mit Papier umwickelt. Und was passiert? Dort wo nur eine Schicht Papier die Nährlösungsschale umschloss, sieht man die Entwicklung von Bakterienkulturen – von ganz normalen Keimen, die in der Umwelt vorkommen. Selbst die haben es geschafft, sich durch das Papier hindurchzuarbeiten. In einem Krankenhaus gibt es in aller Regel deutlich mehr und auch aggressivere Bakterien...
Dunkelberg, der derzeit mit vielen Kollegen, auch im Ausland, in Kontakt steht, um möglichst viele Möglichkeiten auszuschließen, sieht dort die Hersteller der „sterilen“ Produkte gefordert. „Schon Untersuchungen vor etwa zehn Jahren haben ergeben, dass es erhebliche Unterschiede bei den Papieren gibt, die sterile Produkte verpacken. Die beste Papierverpackung ist 50.000 Mal besser als die schlechteste. Das bedeute, dass bei der schlechtesten 50.000 Mal mehr Bakterien hindurchkommen.“
Aber die Unternehmen sähen hier keine Grund zu handeln, bedauert Dunkelberg.

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