Donnerstag, 23. Februar 2012

- letzte Aktualisierung: 23.02.2012 um 02:49 Uhr


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Stadt ohne Geld - Kunst ohne Quartier

Die nationale Häme

Bonjour Tristesse – Entkernt in der Düsteren Straße und kein Museum in Sichtweite.	Fotos: bb

Bonjour Tristesse – Entkernt in der Düsteren Straße und kein Museum in Sichtweite. Fotos: bb

Göttingen ist, glaubt man der Beschilderung am Göttinger Bahnhof, die Stadt, die Wissen schafft. Doch dem Wissen schaffen sind enge finanzielle Grenzen gesetzt. Ein vielversprechendes Projekt, das „KuQua“, liegt derzeit auf Eis – und das sorgt sogar in einer national erscheinenden Architekturzeitschrift für Häme. So fragt sich die Bauwelt in der Ausgabe vom 13. Januar: „Warum hat dann 2008 der Oberbürgermeister persönlich und voller Elan das Projekt mitinitiiert?“ Eine Spurensuche...

(Göttingen/bb) Im Jahr 2008, es war im April, luden der Steidl-Verlag und Göttingens Oberbürgermeister Wolfgang Meyer – ganz wichtig – in die Räume des Verlages in die Düstere Straße ein. Schon vorher wurde lanciert, dass dort etwas ganz Wichtiges in und für Göttingen stattfinden würde. Folglich war auch das Interesse sehr groß und Verleger Gerhard Steidl und Wolfgang Meyer stellten das Projekt „KuQua“, die Kurzform für Kunstquartier, vor. Sie wurden dabei vom Göttinger Architekten Hansjochen Schwieger unterstützt. Das ganze Viertel rund um den Steidl-Verlag in der Düsteren Straße sollte als Künstlerviertel ausgebaut und/oder renoviert werden. Namhafte Architekten sollten gewonnen werden, von Koryphäen wie Lord Norman Forster oder David Chipperfield war damals die Rede. Immer wieder sprach man von „machbaren Visionen“. Fester Bestandteil, direkt angrenzend an den Steidl-Verlag, auch das geplante Günter Grass-Haus. Grass verlegt seine Werke bei Steidl. Für Oberbürgermeister Meyer war das Projekt „Chefsache“.
Doch geschehen ist seit 2008 so gut wie nichts– zumindest, was die Stadt Göttingen angeht. Ein Haus in der Düsteren Straße ist entkernt worden, nur das Gerippe des alten Fachwerks ist zu sehen. Weitere Bautätigkeiten sind außen nicht zu entdecken, nur das Bibliothekshaus von Steidl – am Nikolaikirchhof – nimmt Gestalt an. Der Steidl-Verlag will das direkt an das Verlagshaus angrenzende Grass-Haus bis zum 85. Geburtstag des Künstlers (am 16. Oktober dieses Jahres) möglichst fertiggestellt haben. „Wenn es um meinen Teil des KuQua geht, wird alles verwirklicht!“, erklärt Verleger Gerhard Steidl und berichtet von der nicht eben einfachen Aufgabe des Bauvorhabens im Grass-Haus. Denn im Inneren des denkmalgeschützten, uralten Hauses habe sich schon viel getan, so Steidl. Sieben Meter tief wurde ein Betonfundament für die Bücherskulptur aus Stahl gelegt, die gleichzeitig die Wände sichert. „Wir mussten das Haus von innen stabilisieren“, so Steidl. Etwa 300.000 Euro hat er allein dafür investiert. Auf der Bücherskulptur werden dann die Werke von Grass zu sehen sein. „Wenn der Winter vorbei ist, werden wir mit dem Anbau an das Grass-Haus beginnen – hier wird dann meine Grass-Kunstsammlung für alle zu sehen sein“, sagt Steidl. Mit der Maßgabe, dass dort wie damals vereinbart ein Museum entstehen soll, will Steidl der Stadt das Grundstück mit dem Gerippe-Haus überlassen. „Bau und Unterhalt eines Museum liegen aber bei der Stadt“, meint Steidl. Er habe in Sachen KuQua all’ seine Hausaufgaben erledigt.
Nun steht zu befürchten, dass der „öffentliche“ Teil des KuQua erst einmal den geplanten Wissenshäusern und auch den Sparzwängen des Zukunftspakets zum Opfer fallen könnte. Viel war damals von Public-Private-Partnership, also der engen Zusammenarbeit mit privaten Geldgebern, die Rede. Doch auch davon scheint man derzeit weit entfernt zu sein.
„Der Oberbürgermeister hat das von Gerhard Steidl maßgeblich entwickelte Konzept als tolle Vi­sion bezeichnet und von Beginn an in vollem Umfang unterstützt“, so Stadtsprecher Detlef Johannson. „Er hat aber schon 2008 auch den Finanzierungsvorbehalt zur Umsetzung und zum Umsetzungstempo formuliert. Das war absolut richtig. Unsere nun ohnehin nicht in Geld schwimmende Stadt muss sich inzwischen in der Tat vorrangig um die Sanierungsgroßbaustelle am Ritterplan kümmern.“ Dass eine derartige Herausforderung auf uns zukommen würde, davon habe 2008 niemand etwas ahnen können, so Johannson. „Unabhängig davon bleibt das KuQua ein Ziel, das weiter angestrebt wird. Dafür steht schon der Initiator und Eigentümer strategisch wichtiger Grundstücke, der seine Pläne für das Grass-Haus weiter systematisch verfolgt“, so Johannson. Aber alles gehe langsamer voran. „Alle, die das KuQua wollen, brauchen einen langen Atem. Genau das haben wir immer gesagt.“
Schade, denn wie groß das Inte­resse der Göttinger an der Kunst ist, zeigte das Projekt „Kunstmuseum“, das der aus Göttingen stammende Konzeptkünstlers Christian Jankowski ebenfalls 2008 im Alten Rathaus mit einem Augenzwinkern installierte.

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