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Prinzenstraße 10-12
37073 Göttingen
Demonstrationstag in Göttingen
Keine Verletzten
Kleine Ursache, große Wirkung: Weil rund 200 Anhänger der rechtsextremen NPD vor dem Bahnhof eine Kundgebung abhielten, befand sich Göttingen einmal mehr im Ausnahmezustand. 4 000 Gegendemonstranten protestierten (fast) friedlich gegen die Veranstaltung auf dem Bahnhofsvorplatz. 6 000 Polizisten passten auf, dass die Linken und die Rechten nicht direkt aufeinanderprallten. Im Bahnhofsgebäude war es fast soweit, weil Demonstranten aus der linken Szene sich bis dicht an die NPD-Demo herankämpften, während auf einem hinteren Gleis ein zweiter und dritter „Schwung“ NPDler ankam. Es blieb aber bei Drohungen und kleineren Rangeleien.
Der Preis dieses Friedens war ein Tag im Ausnahmezustand. Wer gestern in die Innenstadt wollte, musste zahlreiche Polizeisperren passieren. Und wer gegen 12 Uhr einen Zug erreichen wollte, der hatte ganz schlechte Karten. Über der Stadt kreisten knatternd zwei Hubschrauber, der ganze Schützenplatz war von Wasserwerfern und polizeilichem Räumgerät zugeparkt. Einfach überall war Polizei.
Dank Petrus lösten sich beide Demonstrationen schnell auf. Der hatte der NPD zu ihrer Göttinger Kundgebung eine ordentlich kalte Dusche vom Himmel geschickt.
Die Chronik des Tages:
9.36 Uhr, Weender Straße: Keine Rückstaus auf den Einfahrtsstraßen, die Kontrollen laufen reibungslos. Kleine Kompressoren versorgen die Beamten in den Einsatzfahrzeugen mit Strom. Der Hubschrauber kreist über Göttingen. Auch eine Fastfood-Kette freut sich über Frühstücksbesuch. Die Beamten führen – ganz nebenbei – auch noch Personenkontrollen durch.
9.55 Uhr, Platz der Synagoge: Die Bühne für die Kundgebung nimmt Gestalt an.
10.11 Uhr, Platz der Synagoge: Die Polizei ist längst deutlich präsent, die ersten Demonstranten treffen ein.
10.22 Uhr, Platz der Synagoge: Zu Fuß und mit einer roten Fahne kommt der SPD-Fraktionsvorsitzende Tom Wedrins, wenige Minuten später folgt Rechtsdezernent Wolfgang Meyer auf dem Fahrrad und ganz in Schwarz.
10.37 Uhr, Platz der Synagoge: Die Nervosität steigt, auch beim DGB-Regionsvorsitzenden Lothar Hanisch. „Wir werden mehr als 3 000“, prognostiziert er. „Dawei Dawei“ unter Leitung von Ingeborg Erler spielt Klezmer.

11.10 Uhr, Platz der Synagoge: Die Demo geht offiziell los. „Wir wollen keine alten und neuen Nazis!“, so Hanisch. „Göttingen kann stolz sein auf sein breites Bündnis. Fremdenhass und Rassismus haben bei uns in Göttingen keinen Platz.“ Ludger Gaillard von der evangelischen Kirche fordert: „Wir müssen aufwachen und politische Lösungen finden.“
11.28 Uhr, Bahnhof: Gespenstische Atmosphäre. Alles wartet auf einen Zug aus Richtung Northeim. 100 Rechte und etwa 60 Autonome befinden sich darin... Irgendjemand hat die Notbremse gezogen, weshalb der Zug Verspätung hat.
11.30 Uhr, Platz der Synagoge: Aus dem Lautsprecher des ALI (Antifaschistische Linke International)-Fahrzeuges tönt: „Wir haben schon zwei Aufmärsche verhindert und der Nazi-Zug ist bei Northeim stehen geblieben. Allen die geholfen haben, herzlichen Glückwunsch!“

11.32 Uhr, Bahnhof: Etliche Vermummte haben es zusammen mit Reisenden in den Bahnhof geschafft und versuchen sich zum Haupteingang durchzukämpfen. Da warten etwa zehn einsame NPDler auf ihre Kollegen aus dem Zug.
11.35 Uhr, Platz der Synagoge: Cornelius Jufrange von der Menschenrechtsorganisation „The Voice“ fordert: „Wir müssen unsere Rechte erkämpfen!“
11.38 Uhr, Bahnhof: Der Zug ist da, die linke Szene darf zuerst raus und leistet passiven Widerstand, will einfach nicht zum Westausgang raus. Auch Reisende sehen nicht ein, dass es nur hinten raus geht. „So ein Affentheater wegen dieser Sch... Nazis“ – entfährt es einer älteren Dame mit blauem Hut!
11.43 Uhr, Bahnhof: Die Bahnhofs-Ansagerin ignoriert unbeirrt die Ausnahmesituation und verkündet „Auf Gleis 7 steht der Metronom nach Hannover abfahrbereit.“ Ein Irrtum, denn in diesem Zug muss die NPD nachsitzen und wartet darauf, dass der Weg zum Hauptausgang für sie frei gemacht wird.

11.45 Uhr, Platz der Synagoge: Die Polizei hat schon vor 20 Minuten den Abmarsch des Demo-Zuges gemeldet – doch erst jetzt geht es los. Es beginnt zu regnen.
11.47 Uhr, Bahnhof: „Hier spricht die Polizei“ und droht „einfache körperliche Gewalt“ an, wenn linke Szene und Reisende nicht freiwillig das Gebäude durch den Westausgang verlassen. Kinder und alte Menschen dürfen den Pulk auch in die andere Richtung verlassen. Ein Plastik-Blumentopf samt Palme fällt einer Rangelei zum Opfer.
11.53 Uhr, Bahnhof: Jetzt wird die NPD durch den Bahnhof geschleust. Im Eilmarsch geht es zum Kontrollpunkt, da reicht die Puste nur für einen Sprech-Chor. Jetzt geht gar nix mehr im Bahnhof: Der Haupteingang wird von den Rechten blockiert, der Westeingang von den Linken.
11.58 Uhr, Bahnhof: Jetzt dürfen Reisende erst einmal zu den Zügen, der eine oder andere ist aber schon ohne Fahrgast abgefahren. Eine Gruppe Antifaschisten hat es zum Haupteingang geschafft, hält Transparente hoch, ruft „Haut ab!“.

12.05 Uhr, Goetheallee: Der Zug steht, der schwarze Block ist eingekreist.
12.06 Uhr, Bahnhof: Plötzlich ein rechter Sprechchor von einem anderen Gleis. Es kommen noch ein paar NPDler an! Als die Rechten die Treppe herunterkommen und merken, dass zu beiden Seiten linke Szene anwesend ist, ist schnell Stille eingekehrt. Für die Polizisten wird es brenzlig. Noch einmal knapp 50 NPDler müssen durchgeschleust werden, es kommt zu Rangeleien, die Gegendemonstranten werden an die Bahnhofswände gedrängt. Es geht gerade noch einmal gut.
12.12 Uhr, Bahnhof: Verstärkung rückt an, die Hundestaffel macht sich bereit, die Gegendemonstranten wollen einfach nicht den Bahnhof räumen. Wer jetzt im Gebäude ist, kommt so schnell nicht mehr raus – und rein kommt erst recht keiner...
12.17 Uhr, Bahnhof: Und noch ein Grüppchen Rechter, die noch schneller als ihre Vorgänger Richtung Hauptausgang hasten. Die Polizei hat größte Mühe, Rechte und Linke zu trennen.
12.20 Uhr, Bahnhof: Mit massivem Polizeieinsatz werden linke Demonstranten (und immer noch ein paar unentwegte Reisende) zum Westausgang hinausgedrängt. Um 12.22 Uhr kann man wieder zu allen Zügen gelangen. Ein Bahnhofs-Mitarbeiter fegt die Blumenerde zusammen.
12.25 Uhr, Papendiek: Der Regen wird heftiger, im Papendiek wird es eng. Es kommt zu Rangeleien zwischen Autonomen und der Polizei.
12.31 Uhr, Bahnhof: Die NPD-Kundgebung beginnt im Regen. Aus den blechernen Lautsprechern erklingen hysterisch schreiende NPD-Funktionäre, die zum Glück keiner verstehen kann...
13.03 Uhr, Weender Straße, Höhe Calvör: Polizeipräsident Hans Wargel erkundigt sich beim 1. Hauptkommissar Otto Moneke nach dem Verlauf. „Etwa 4 000 Teilnehmer“ vermeldet der. Regenschirme finden viele Abnehmer. „Die gibt es auf dem Bahnhofsvorplatz nicht“, scherzt Grünen- MdL Stefan Wenzel. Sein neues Stück hat 2,45 Euro gekostet.
13.22 Uhr, Weender Straße, Ecke Reitstallstraße: Wieder reißt der Zug auseinander, der schwarze Block bekommt die Linkskurve nicht, will geradeaus. Doch an den bayrischen Polizisten ist nicht vorbeizukommen!

13.45 Uhr, Platz der Synagoge / Abschlusskundgebung: „Haben Politiker und Juristen keine Lehren aus der Geschichte gezogen?“, fragt Harald Jüttner (Jüdische Gemeinde), er deutet Richtung Bahnhof. „Es reicht mit denen dort, wir wollen sie nicht mehr sehen!“ Die massive Polizeipräsenz sei nicht notwendig, „wir würden die Faschisten in hohem Bogen aus Göttingen rausschmeißen!“ Organisator Hanisch freute sich über die insgesamt „gut abgelaufene“ Demonstration.
14.03 Uhr, Platz der Synagoge: Die Kundgebung ist beendet und löst sich schnell auf – keiner ist trocken geblieben.
14.08 Uhr, Bahnhof: Auch die Kundgebung der Rechten ist beendet. Doch mit der Abreise müssen sie noch warten, ihr Zug Richtung Hannover / Celle hat 30 Minuten Verspätung. Der Spuk ist beendet, und auch Petrus schließt spontan seine Schleusen.
Die Bilanz des Polizeipräsidenten:
„Weniger hätten wir nicht haben dürfen“
Das Fazit von Polizeipräsident Hans Wargel am Abend des Demonstrationstages fällt positiv aus. „Der Rieseneinsatz hat so geendet, dass wir keinen Verletzten haben, das ist die erfreulicheste Botschaft des Tages“, so Wargel. „Aber weniger Einsatzkräfte hätten wir nicht haben dürfen.“ Die Rechtsextremisten seien zurückbegleitet worden und die Polizei-Präsenz werde auch in den kommenden Tagen noch hoch sein. Der Polizeipräsident berichtete von Straftaten im Vorfeld, unter anderem von einem mit einem Molotow-Cocktail in Brand gesteckten Dienstfahrzeug. Wichtig war, betonte Wargel, schon der resolute Einsatz bei der Warm up-Demo am Freitag. „Wir haben deutlich Zeichen gesetzt.“ 600 Teilnehmer hatte die Warm up-Demo, die Bündnis-Demonstration 4 000, davon stufte die Polizei etwa 1 000 als gewaltbereit ein, die waren gewarnt. „Es kam zu keinem Schlagstockeinsatz“, lobte Göttingens Polizeipräsident die professionelle Einstellung seiner Einsatzkräfte und auch von Sachschäden sei bisher nichts bekannt geworden. Da die NPD weitere Demonstrationen in Göttingen angekündigt hat, weil Adolf Dammann 1976 in Göttingen von Autonomen verprügelt worden war, werde die Polizei ihre Taktik beibehalten. „Das war Deeskalation durch Stärke, ein erfolgreiches Modell auch für einen nächsten Einsatz“, so Wargel. Er wünscht sich, dass die Bündnis-Demonstration ohne Autonome stattfinden sollte. „Antifaschisten sind wir alle“, so Wargel. „Aber Antifaschisten sind friedliche Leute.“
