Samstag, 04. Februar 2012

- letzte Aktualisierung: 03.02.2012 um 10:17 Uhr


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5000 gegen NPD-Aufmarsch - Chronologie eines Tages

Straßenkampf und brennende Barrikaden

Unwirkliche Szenerie am Kreuzbergring. Foto: Rampfel

Unwirkliche Szenerie am Kreuzbergring. Foto: Rampfel

Schon Tage vorher merkten die Göttinger, dass es ernst wird am Samstag. Polizeikontrollen an den Zufahrtsstraßen und viel Polizeipräsenz in der Stadt schon ab Donnerstag. Gestern dann stand ein riesiges Polizeiaufgebot bereit. Fast 4000 Beamte waren im Einsatz! Ihre undankbare Aufgabe: Gewährleisten, dass die rechtsradikale NPD ihren vom Oberverwaltungsgericht genehmigten Aufmarsch gefahrlos absolvieren kann. Fast sieben Kilometer lang war die Route, die sich die NPD vorgenommen hatte. Ihr Marsch durch Göttingen kam jedoch schon nach wenigen Metern ins Stocken. Brennende Straßenkreuzungen und Menschenblockaden waren der Grund dafür, dass die Polizei die NPD auf einer stark verkürzten Route zum Bahnhof zurück geleiten musste.

9.43 Uhr: Polizeieinheiten aus allen Bundesländern haben Stellung bezogen, warten auf die ersten NPDler, die gegen 12 Uhr mit dem Zug angereist kommen sollen. Am Bahnhof schaut Polizeipräsident Hans Wargel nach dem Rechten: „Ich wünsche uns einen friedlichen Verlauf.“
10.09 Uhr: Frühstück gegen Rechts ohne Frühstück. Etwa 350 Personen „frühstücken“ am Ende der Goetheallee, darunter die Hälfte aus dem bürgerlichen Spektrum. Mit dabei viele Lokalpolitiker: Rolf Becker, ,Stefan Wenzel (Grüne), Tom Wedrins (SPD) und viele andere. CDU-Politiker werden nicht gesehen.
10.34 Uhr: Die Spekulationen schießen ins Kraut: Alle glauben, heute passiert etwas, allerdings nicht in der City.
11.05 Uhr: Der Posaunenchor Groß-Ellershausen-Hetjershausen spielt am Platz der Synagoge. Hier versammeln sich die Teilnehmer der DGB-Kundgebung. Andere stehen schon am Bahnhof und „begrüßen“ die Rechten.
11.15 Uhr: „Wir warten noch drei Minuten auf den Bus mit den Metallern“, so DGB-Mann und Cheforganisator Martin Gertenbach. Zur Überbrückung werden Sprechchöre eingeübt. Dann geht’s los.
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11.25 Uhr:
Rund 200 NPD-Anhänger kommen mit ihren Zügen am Göttinger Hauptbahnhof an. Die Polizei bildet ein Spalier, draußen auf dem Vorplatz folgen Leibesvisitationen. Die Rechten haben Verspätung: Weil die Antifa in Hannover reichlich Tickets für den Anreisezug der Rechten gekauft hatte und fleißig mit der Bahn fuhr – alle Plätze belegt, die NPDler mussten den nächsten Zug nehmen!
11.30 Uhr: Gleich auf der Berliner Straße kommen sich beide Demonstrationszüge gefährlich nahe. Zum Bahnhof gibt’s keinen direkten Zugang mehr. „Kein Platz für Nazis in Göttingen“ skandieren etwa 4 000 Menschen.
11.48 Uhr: Adolf Dammann, stellvertretender Vorsitzender der Niedersachsen-NPD, beginnt eine Ansprache und verliest für die Teilnehmer des NPD-Zuges die Auflagen der Stadt.
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11.55 Uhr:
Der Gegendemonstrationszug setzt sich mit nun knapp 5 000 Menschen in Richtung Groner Tor in Bewegung.
12.06 Uhr: Ein weiterer Zug mit rund 100 Rechtsextremisten trifft in Göttingen ein.
12.07 Uhr: Die Polizei in erhöhter Alarmbereitschaft: In der Goetheallee in der Nähe der Unterführung sollen mehrere Personen Steine aufgenommen haben.
12.16 Uhr: Vor dem Alten Rathaus will der DGB eine kurze Kundgebung machen. Daraus wird nichts. Auf der Kreuzung vor dem Auditorium soll’s eine Sitzblockade geben. Die Antifa überholt den DGB und es geht Richtung Weender Tor.
12.18 Uhr: Polizeisperre auf der Weender Straße. Zum Weender Tor ist kein Durchkommen. Alles staut sich und der Zug wird zum DGB-Haus umgeleitet.
12.25 Uhr: Der NPD-Aufzug formiert sich, mit zwei Lautsprecherwagen machen sich die Rechtsextremisten auf den Weg.
12.35 Uhr: Kundgebung vor dem DGB-Haus. Uschi Biersl (SPD): „Der Aufmarsch der NPD ist eine Provokation für unsere offene Stadt.“ Stefan Wenzel (Grüne) geht mit dem Stadtoberen heftig ins Gericht. „Es ist ärgerlich, dass die Stadtverwaltung die historischen Stätten der Stadt nicht offensiv verteidigt hat“ und „Ich hätte mir gewünscht, dass auch der Oberbürgermeister bei unserer Demo wäre. Das wäre ein richtiges Zeichen gewesen!“. Und Dieter Dehm (Linkspartei): „Göttingen zeigt, dass es eine Pluralität von Antifaschisten gibt. Davon können einige lernen.“
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12.28 Uhr:
Vermummte sammeln im Nikolausberger Weg und in der Humboldtallee Steine. Barrikaden aus Abfallcontainern, Mülltonnen, gelben Säcken, Lattenrosten und mehr gehen in Flammen auf, dicke Rauchwolken über dem Osten der Stadt.
12.46 Uhr: Da der Weg nach nur 500 Metern für den NPD-Aufzug nicht weitergeht, halten die Rechten am Weender Tor eine Zwischenkundgebung ab.
12.48 Uhr: Die Polizei rückt mit einem Räumfahrzeug an und räumt eine brennende Barrikade auf der Kreuzung Nikolausberger Weg / Goßlerstraße aus dem Weg.
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12.55 Uhr:
In der Humboldtallee werden Brandbeschleuniger geworfen, Vermummte schieben Privatautos auf die Straße.
13.24 Uhr: Kaum sind die brennenden Barrikaden zur Seite geräumt, wartet auf Polizei und NPD ein neues Hindernis: Gegendemonstranten aller Couleur haben die Kreuzung Nikolausberger Weg / Humboldtallee blockiert und sehen sich schweren Panzerfahrzeugen und Wasserwerfern gegenüber. Die Polizei erklärt per Durchsage die Versammlung auf der Kreuzung um 13.25 Uhr für beendet. „Sie genießen nicht mehr den Schutz der Versammlungsrechts.“
13.30 Uhr: Der rechte Demonstrationszug kommt nicht vom Fleck, steht sich immer noch am Weender Tor die Beine in den Bauch. Eine Hundertschaft macht sich auf in Richtung blauer Turm.
13.31 Uhr: Die Polizei fordert die Demonstranten auf der Kreuzung Humboldtallee „zum dritten und letzten Mal“ auf, die Straße zu räumen.
13.38 Uhr: Die Polizei fordert nun auch die „Zuschauer“ auf, die Kreuzung Humboldtallee aus Sicherheitsgründen zu verlassen.
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13.44 Uhr:
Polizeibeamte stürmen in die Menschenmenge, holen einen der Demonstranten heraus. Es gibt die ersten Verletzten, ausgerechnet ein Arzt bekommt einen auf die Nase und blutet stark.
13.50 Uhr: Die Wasserwerfer kommen nicht zum Einsatz. Die Polizei entscheidet: Am Nikolausberger Weg geht nichts mehr. Die NPD muss auf Polizeigeheiß ihre Route ändern. Sie marschieren jetzt auf der Weender Straße Richtung Kreuzbergring. Immer begleitet von lautem Protest und reihenweise Stinkefingern.
14.03 Uhr: Wieder Stillstand. Der NDP-Zug steht nun mitten auf der Weender Straße.
14.10 Uhr: Es hat sich herumgesprochen, dass der Zug einen anderen Weg nimmt. Vom Unigelände strömen immer mehr Gegendemonstranten herbei.
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14.21 Uhr:
Gegenstände fliegen auf die Weender Straße. Die Polizei räumt auf dem Uniparkplatz auf. Werfer werden von der Polizei blitzschnell herausgeholt.
14.28 Uhr: Der Zug kommt wieder zum Stehen, diesmal am Kreuzbergring. 14.57 Uhr: Die Rechten wollen in den Kreuzbergring und fordern die Polizei auf, den Weg dorthin freizugeben, berufen sich dabei auf das Oberverwaltungsgerichtsurteil.
14.45 Uhr: Abschlusskundgebung am Platz der Synagoge, es sprechen Martin Steinberg für die evangelische Gemeinde, Martina Weber (IG Metall) und Harald Jüttner von der Jüdischen Gemeinde. Anschließend gibt es Reggae und HipHop, die Menschen tanzen.
14.59 Uhr: Die Polizei bleibt hart. Der NDP-Versammlungsleiter löst daraufhin die Versammlung auf. 15.04 Uhr: Die Polizei spricht Platzverweise für die NPD aus.
15.11 Uhr: Die Polizei bietet den rechten Demonstranten Schutz für den Weg zum Bahnhof an. Droht mit Schutzgewahrsam, wenn dem Platzverweis nicht Folge geleistet wird.
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15.14 Uhr:
Die Teilnehmer der NPD-Demonstration rennen in die Güterbahnhofstraße. Auf ihrem Weg zum Bahnhof kommt es immer wieder zu Zusammenstößen mit Gegendemonstranten.
16.00 Uhr: Die Rechten sind wieder am Bahnhof, dort wo sie hergekommen sind. Unter Polizeischutz geht es in die Züge und die NPD fährt wieder nach Hause.
18.00 Uhr und später: Die Polizei kontrolliert im gesamten Stadtgebiet die Personalien von ihnen verdächtig erscheinenden Personen. In einer „Gefangenensammelstelle“ am Auditorium sitzen 30 Personen, die „zur Entschärfung der Situation“ in Gewahrsam genommen wurden.


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