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Göttinger Therapeutin kann helfen
Wenn das Leben zur Hölle wird...
Endloses Putzen gehört zu den Zwangshandlungen, die möglicherweise nicht ausgeschaltete Waschmaschine zu den Zwangsgedanken. Foto: irisblende.de
Mehr als eine Million Menschen in Deutschland leiden unter einer Zwangskrankheit, die Dunkelziffer wird als sehr hoch eingeschätzt. Die einen haben das Bedürfnis, sich ständig waschen zu müssen, die anderen leiden unter dem Zwang, alles kontrollieren zu müssen, die Erscheinungsformen dieser Krankheit sind vielfältig. Die Hälfte der behandelten Patienten leidet lebenslang unter ihren Zwängen, nur ein geringer Teil wird eines Tages ganz symptomfrei. Hilfe kommt jetzt aus Göttingen. Hypnose - Therapeutin Angelika Pflüger hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sie jetzt ihrem Patienten Rachid Ghazi (27) helfen konnte, der 15 Jahre lang an seiner Zwangsstörung verzweifelte. Die stern TV-Reportage auf VOX berichtet am kommenden Dienstag, 2. März, von 22.15 bis 23.15 Uhr von diesem ungewöhnlichen Fall aus Göttingen. Titel der Sendung: „Kämpfen von klein an! Wenn Kinder unter Zwängen leiden.“
Ein typisches Beispiel für Zwangsstörungen ist der 27-jährige Rachid. Seit 15 Jahren leidet der aus Frankfurt stammende Marokkaner unter extremen Entscheidungszwängen, er wurde von Arzt zu Arzt gereicht, von Fachklinik zu Fachklinik, keiner konnte ihm helfen. Bis sich Angelika Pflüger seines Falles annahm. Im Sommer vergangenen Jahres saß Rachid bei Günther Jauch in stern TV auf dem Sofa und berichtete von seinem Schicksal. Vor dem Fernseher verfolgte Angelika Pflüger aus Göttingen die Sendung. Für die ausgebildete Hypnose-Therapeutin war sofort klar: Dem muss ich helfen und dem kann ich helfen!
„Ich hatte damals einen ähnlichen Fall in meiner Praxis und hatte diesen Patienten erfolgreich mit Hypnose behandelt“, berichtet Pflüger. Aufgrund seiner Zwangsstörungen hatte dieser Patient unter extremen Schluckbeschwerden gelitten, ihm musste am Ende eine Sonde gelegt werden, um ihn am Leben zu erhalten. „Nach nur einer Sitzung konnte er schon wieder essen und trinken“, so Pflüger.
Rachid war ein vergleichbar harter Fall, er war extrem zwangsgestört: „Er konnte sich für nichts entscheiden und dementsprechend konnte er sein Leben auch nicht allein bewältigen“, erklärt Pflüger. Wenn Rachid zehn Brötchen auf dem Frühstückstisch liegen hatte, wäre er dennoch davor verhungert – weil er sich einfach für kein Brötchen entscheiden konnte. An Einkaufen war nicht zu denken, keine Entscheidung gleich leerer Einkaufswagen.
Hypnose-Therapeutin Pflüger setzte sich nach der TV-Sendung mit RTL in Verbindung, wenig später hatte sie Rachid am Telefon. „Wir haben gleich beim ersten Mal 90 Minuten telefoniert, und mit diesem Gespräch hatte praktisch auch schon die Therapie begonnen“, waren sich beide schnell einig, es gemeinsam zu versuchen. Kurzentschlossen holte sie den 27-Jährigen aus Frankfurt nach Göttingen und versprach, ihm kostenlos zu helfen. Im Ernstfall würde eine solche Therapie rund 6500 Euro im Monat kosten.
Die Göttingerin besorgte Rachid ein Zimmer in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und begann mit ihm eine Hypnose-Therapie und eine kognitive Verhaltenstherapie, sieben Tage in der Woche jeweils vier bis fünf Stunden am Tag und drei Wochen lang. Kurz vor Weihnachten wurde Rachid aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie geworfen. Was tun, kein Geld, kein Bett? Pflüger setzte ihren Schützling in den Zug nach Aschaffenburg, Rachid fuhr zu seiner Freundin, am 28. Dezember holte die Therapeutin ihn zurück nach Göttingen, wo sie ihn in einer Pension in Weende unterbringen konnte.
Ihr Einsatz hat sich gelohnt, heute ist Rachid richtig gut drauf, er kann alleine einkaufen, seine Zwangsstörung ist fast wie geheilt. „Mein Platz ist hier in Göttingen, vielleicht werde ich bald Medizin studieren“, sagt der 27-Jährige heute voller Optimismus.
Wie konnte die Göttingerin Angelika Pflüger in kürzester Zeit helfen, wo die Schulmedizin in 15 Jahren nichts ausrichten konnte? „Der Mensch lebt zu 90 Prozent im Unterbewusstsein. Mit der Hypnose bekomme ich Zugriff auf dieses Unterbewusstsein und der Patient kann auf einmal Dinge erzählen, die er in normalem Zustand nicht sagen kann“, erklärt Pflüger. Mit der Hypnose-Show aus dem Fernsehen habe ihr Praxisalltag nichts zu tun: „Um Gotten Willen, so etwas ist das nicht, mit solchen Vorgehensweisen haben wir nichts zu tun“, so Pflüger. Bei ihrer Therapie wisse der Patient auch nach Beendigung der Hypnose, was er gesagt hat und worum sich das Gespräch handelte. Ebenso könne der Patient frei bestimmen, worüber er sprechen möchte und worüber nicht.
Bei Rachid war die Therapie auch deshalb so erfolgreich, weil der 27-Jährige ein absoluter Perfektionist und „Kopfmensch“ ist. Von seiner Mutter wurde er total verwöhnt, sie fällte für ihn Entscheidungen, während er sich zurücklehnen konnte. Freunde hatte er keine. „Das soziale Umfeld war komplett auf der Strecke geblieben“, so Pflüger. In der Therapie lernte Rachid erstmals, eigene Gefühle zu erkennen und auch mal auf das eigene „Ich“ zu hören. Ebenso half Pflüger als Therapeutin dabei, ihn in ein soziales Umfeld einzuführen. Eine Kombination, die letztendlich zum Erfolg führte.
Im April will die Göttingerin die Therapie mit Rachid fortsetzen, für die Zukunft träumt die 45-Jährige davon, einen Verein für Zwangserkrankte zu gründen und ein Haus aufzubauen, in dem sich Patienten mit Zwangsstörungen behandeln lassen können. Mit ihrer Power wird sie auch das schaffen...
In der Sendung am Dienstag berichtet die stern TV-Reportage auch über Imke (13) aus der Nähe von Hannover, die seit früher Kindheit neben den Symptomen eines Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) verschiedene motorische und vokale Tics (auch Tourette Syndrom genannt), Zwangshandlungen und -gedanken zeigt. Im Rahmen der Reportage begleitet ein Filmteam Imke in ihrem Alltag und während der stationären Behandlungin der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie derUniversiätsklinik Göttingen. Dr. Henrik Uebel, Oberarzt der Klinik,erläutert in der Sendung als Spezialist die Störungen und derenBehandlungsmöglichkeiten.
Mit Helfern aus Göttingen kann das ja nur ein gutes Ende nehmen...