Freitag, 30. Juli 2010

- letzte Aktualisierung: 30.07.2010 um 02:21 Uhr


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Hallgrimur Helgason beim Literaturherbst

Isländische Einblicke

Entspannt nach isländischen Einblicken: Hallgrimur Helgason, Karl - Ludwig Wetzig und Literaturherbst-Macher Christoph Reisner (v.l.n.r.). Foto: bb

Entspannt nach isländischen Einblicken: Hallgrimur Helgason, Karl - Ludwig Wetzig und Literaturherbst-Macher Christoph Reisner (v.l.n.r.). Foto: bb

Während draußen die neue Illumination des Alten Rathauses feierlich – und nicht ohne Stadtbaurat Thomas Dienberg – erstmal erstrahlte, bereitete sich drinnen alles auf einen Isländer vor. Hallgrimur Helgason war, zusammen mit seinem Übersetzer Karl-Ludwig Wetzig, zum Literaturherbst nach Göttingen gekommen, um aus seinem neuen Werk „Rokland“ zu lesen.

(Göttingen / bb) Die Veranstaltung draußen endete fast pünktlich und drinnen gab Anne Schulze-Lammers eine kurze Einführung zum Isländer, der in München ein Jahr Malerei studiert hat – und Deutsch recht gut versteht.
Die Einführung setzte Wetzig nach der Begrüßung fort. „Helgason ist weltberühmt - in Island. Man entgeht ihm dort nicht, er schreibt Satiren, ist Stand Up Comedian, Maler und eben Autor.“ Selbst der isländische Ministerpräsident sei vor ihm nicht sicher, berichtete Wetzig. Bei einer Neujahrsansprache lobte der Politiker Helgason, bei der folgenden satirischen Rückschau wurde er heftig durch den Kakao gezogen – geschrieben hatte diese... Helgason. Der erzählte dann, in einer für das gemeine mitteleuropäische Ohr sehr nett anzuhörenden, aber nie zu verstehenden Sprache, von seinem Protagonisten Böddi, der alles hasst, was dem Isländer heilig ist - Fußball und Rock’n’Roll. Dafür liebt er Deutschland, übersetzte Wetzig. Helgason las in der Landessprache, Wetzig die Übersetzung.
Sie boten genüsslich einige zum Teil nicht jugendfreie, aber stets von herrlichen Skurrilitäten geprägte Abschnitte aus dem Buch dar. Während Wetzig seinen Part las, versuchte Helgason im Publikum Gesichter zu erkennen. Er war fast chancenlos - die Scheinwerfer hatten ihn voll im Griff. „Isländer sind dann am besten drauf, wenn sie von Island wegfahren oder gerade wieder ankommen", beschrieb der Autor die nicht ganz einfache isländische Seele.
Im Buch lässt Helgason die Mutter des Protagonisten sterben. Die Todesursachen: Die ungesunde geistige Nahrung durch eine öffentlich-rechtliche (isländische) Dauerfernsehberieselung und Philip Morris. „Die Verstorbene hat in ihrem Leben mehr Zigaretten geraucht als es Isländer gibt.“ Helgason versetzt kurzerhand die Bankenmetropole Frankfurt/Main in den Gedanken von Böddi nach Island, liest dann einen Abschnitt selbst in Deutsch (!) und kommt zu einem eigenen Happy End: Der isländische Ministerpräsident wird erschossen, Böddi wird Nachfolger. Der kündigt einseitig die (Fernseh-) Verträge mit Disney, lässt stattdessen eine deutsche Dokumentation zu Hölderlin senden und verfügt, dass in geschlossenen Räumen nicht mehr fern gesehen werden darf... Mehr wird nicht verraten.
Dem Publikum gefiel der Abend sehr, Helgason signierte und der Büchertisch leerte sich schnell. Nur die Gläser beim abschließenden Sektempfang, die wollten einfach nicht auf dem Tablett bleiben.

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