(henk) In Kassel ist noch bis zum 17. Mai zurzeit die weltberühmte Ausstellung „Körperwelten“ zu sehen. Die Exponate sind durch Plastination konservierte menschliche Körper und Organe. Woher kommen die Ausstellungsstücke? Wessen Körper stehen da in den Vitrinen? Der ExtraTiP hat einen Mann getroffen, der sich dazu entschlossen hat, seinen Körper nach seinem Tod den „Körperwelten“ zur Verfügung zu stellen.
Es ist ein Thema, mit dem sich wohl die wenigsten Menschen gerne beschäftigen: der eigene Tod und die Frage, was mit dem eigenen Körper geschehen soll. Erd- oder Feuerbestattung? Kirche oder Friedwald? Treffe ich selbst die Vorkehrungen für meine Beerdigung oder hinterlasse ich das meinen Angehörigen?
Mit diesen Fragen hat sich auch Björn Bannuscher aus Witzenhausen ausführlich beschäftigt. Der 41-Jährige hat sich letztendlich für einen ganz anderen Weg entschieden: Er will nach seinem Tod seinen Körper spenden. Bannuschers sterbliche Hülle soll nach seinem Tod dem Institut für Plastination in Heidelberg überlassen werden. Das Institut, bekannt durch seinen Gründer Dr. Gunther von Hagens, der unter anderem für die „Körperwelten“-Ausstellungen berühmt wurde. Körper oder einzelne Organe werden dafür mit einem speziellen Verfahren („Plastination“) für die Nachwelt konserviert.
Mehrere Gründe haben den Ausschlag für seine Entscheidung gegeben, erzählt Bannuscher im ExtraTiP-Gespräch: die eigene, bewusste Entscheidung zu Lebzeiten, die Entlastung der Angehörigen und „die Faszination, dass mein Körper nachhaltig erhalten wird und als Plastinat anderen Menschen hilft, die menschliche Anatomie besser zu verstehen.“ Bannuscher zieht eine Plastikkarte aus dem Portemonnaie: sein Körperspender-Ausweis. Für den Fall seines Todes stehen darauf die Kontaktdaten des Plastinations-Instituts. Das kümmert sich um den Leichnam, der dann ganz oder in Teilen als Exponat für Ausstellungen oder als Studienobjekt für Mediziner konserviert wird. „Ohne Namen, ohne Personenkult – aber nachhaltig.“
Bannuscher geht offen mit seiner Entscheidung um. Seine Schwester und seine Freunde wissen Bescheid, was im Todesfall zu tun ist. „Ich bin erleichtert, dass es nach meinem Tod keine Probleme gibt“, so Bannuscher. „Es ist alles erledigt.“ Einen Grabstein, an dem Angehörige trauern können, hält Bannuscher für unnütz: „Orte zum Trauern hat man überall. Die Erinnerungen sind im Kopf, und die sind am wichtigsten.“
Bannuscher steht mit Überzeugung hinter seiner Entscheidung, die er mit Anfang 30 getroffen hat.  Aber der Weg dahin war alles andere als leicht, gesteht er zu. Das Thema Sterben und Tod beschäftigt ihn schon viel länger, erzählt er. Mehrere Familienmitglieder sind an Krebs gestorben. Bannuscher ist sich sicher, dass auch ihm das eines Tages blüht. „Man stellt sich dann automatisch die Frage: Was geschieht mit meinem Körper, wie will ich bestattet werden?“ Darüber in der Familie offen zu sprechen, das war oft schwierig. „Bestattungsvorsorge, Patientenverfügung… Das sind Tabuthemen, über die man ungern redet und die man immer weiter vor sich herschiebt.“
Dann ereignete sich etwas, das Bannuscher heute als „Schlüsselmoment“ beschreibt. Bei seiner Arbeit als Lkw-Fahrer fuhr ihm eines Tages ein Auto in die Seite. Der Unfall ging glimpflich aus, aber Bannuscher kam mit den Insassen des anderen Wagens ins Gespräch. Was hätte alles passieren können? Die älteren Herrschaften erzählten ihm,  dass ihre Körper im Todesfall der Wissenschaft gespendet würden. Dieser Gedanke gefiel auch Bannuscher. Er wandte sich an die Göttinger Uniklinik, wo die Körper von Verstorbenen in der Medizinerausbildung benötigt werden. Dort eröffnete man ihm allerdings, dass für Körperspender im Vorfeld Kosten von mehreren hundert Euro anfallen (Das Zentrum Anatomie der UMG bestätigt diese Praxis auf Anfrage. Nach Abschaffung des Sterbegeldes hätten alle Uni-Kliniken einen „Kostenbeitrag“ für Körperspender eingeführt. Der betrage an der UMG zur Zeit 900 Euro).  „Das war nicht das, was ich wollte“, sagt Bannuscher.
Da kam ihm ein lange zurückliegender Ausflug in den Sinn: Seine damalige Partnerin hatte Bannuscher Anfang der 2000er in eine „Körperwelten“-Ausstellung in Frankfurt „geschleppt“. „Ich hatte selber gar kein Interesse, war dann aber total fasziniert.“ Plastinierte Organe oder ganze Körper, die konserviert und der Nachwelt zum Nutzen bereitgestellt werden – das konnte sich Bannuscher auch für den eigenen Körper gut vorstellen. Kurzerhand ließ er sich die Unterlagen vom Institut für Plastination kommen, füllte den Fragebogen aus und schickte diesen samt Krankenakte zurück – fertig. In diesem Zuge hat Bannuscher auch gleich seinen Nachlass geregelt und eine Patientenverfügung aufgesetzt. Auch einen Organspendeausweis besitzt Bannuscher. Denn Organ- und Körperspende schließen sich nicht aus. „Ich finde gut, dass das Institut sagt: die Organspende geht vor“, sagt Bannuscher. Er wirbt grundsätzlich für einen offenen Umgang mit dem Thema Sterben und Tod, hält in Gesprächen nicht mit seiner Entscheidung hinterm Berg. „Die erste Reaktion ist immer gleich: Was? Echt jetzt? Viele sind dann aber ehrlich interessiert. Ich habe noch keine negativen Erfahrungen gemacht.“ Vor Kurzem hat Bannuscher die aktuelle Körperwelten-Ausstellung in Kassel besucht, das erste Mal seit seinem Besuch vor 20 Jahren.Wieder habe es diesen „Wow-Effekt“ gegeben, erzählt er, Bauchkribbeln inklusive. Nach dem Besuch kann er sagen: „Ich habe meine Entscheidung nicht bereut.“