(henk) Sucht: Bei diesem Stichwort denken viele wohl zuerst an Drogen, Alkohol oder Zigaretten. Aber auch von einem „virtuellen Suchtstoff“ werden inzwischen immer mehr Menschen abhängig: dem Internet und den elektronischen  Medien. Die Formen sind vielfältig und reichen von der Jugendlichen, die jede freie Minute auf Instagram verbringt, bis zum Familienvater, der am Rechner Geld beim Online-Glücksspiel verzockt…
Alle Altersschichten betroffen
Verlässliche Zahlen, wie viele Menschen an Internet- oder Computerspielsucht leiden, gibt es bisher wenige. Eine Studie der Krankenkasse DAK unter Jugendlichen kam 2019 zu dem Schluss, dass 15,4 Prozent der jungen Leute in Deutschland zwischen 12 und 17 Jahren als „Risiko-Gamer“ gelten. Das wären rund 465.000 Jugendliche, die ein riskantes oder pathologisches Spielverhalten im Sinne einer Sucht an den Tag legen. Für das Phänomen gibt es bislang noch kein fest definiertes Krankheitsbild – aber ein Umdenken bei Fachleuten hat bereits eingesetzt: So soll bis 2022 in das internationale Regelwerk der Krankheiten (ICD) die sogenannte „Gaming Disorder“ aufgenommen werden. „Das heißt aber nicht, dass man nicht schon jetzt bei Mediensucht helfen kann“, sagt Kristin Otte. Die Sozialarbeiterin berät in Göttingen Betroffene und Angehörige in der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention, einer Einrichtung des Diakonieverbands Göttingen. Ottes „Spezialgebiet“ ist dabei der Bereich der Internet- und Medienabhängigkeit. Zu ihr kommen Betroffene aus allem Altersstufen, berichtet sie im ExtraTiP-Gespräch. Mediensucht, das umfasse Computerspiele, Soziale Medien, Fernsehen, aber auch Online-Glücksspiel oder Online-Sexsucht. Das Durchschnittsalter der Betroffenen liege bei 21 Jahren – es seien also längst nicht nur Kinder und Jugendliche betroffen. Den Männeranteil schätzt Otte allerdings auf 90 Prozent. Nicht alle Menschen kommen ganz aus eigenem Antrieb in die Beratung; oft komme der Erstkontakt auch über Angehörige, Lehrkräfte oder Therapeuten zustande, berichtet die Beraterin.
In mehreren Sitzungen versucht Otte dann mit den Betroffenen zu ergründen, ob tatsächlich ein Suchtverhalten vorliegt. Wenn ja, vermittelt sie den Betroffenen oft einen Platz in einer stationären Reha-Einrichtung – die Behandlung dort dauert im Regelfall acht bis zehn Wochen. „Für Mediensüchtige gibt es noch vergleichsweise wenige Reha-Einrichtungen, entsprechend hoch ist die Nachfrage“, weiß Otte. Alternativ biete die Göttinger Beratungsstelle selbst Beratungen über einen längeren Zeitraum an. Auch für die Nachsorge nach einem Klinikauftenthalt kommen die Betroffenen wieder zurück zu Kristin Otte.
Mediensucht bei Betroffenen zu erkennen ist immer eine Einzelfallentscheidung, sagt Otte, pauschale Aussagen ließen sich nur schwer treffen. „Früher wurde oft in den Medien gesagt: ab drei Stunden und mehr vor dem Bildschirm beginnt die Abhängigkeit. Davon nehmen wir Abstand; man muss schon ins Detail gehen.“ Wer für seine Arbeit acht Stunden am Tag vor dem Computer sitzen müsse, sei natürlich nicht automatisch süchtig. Vielmehr müsse man soziale Aspekte mit in Betracht ziehen, so Otte: „Vernachlässige ich meinen Freundeskreis, bekomme ich nicht mehr ausreichend Schlaf, finden meine sozialen Kontakte nur noch online statt?“ Medienabhängige litten häufig auch unter Begleiterscheinungen, etwa Fehlhaltungen des Körpers durch das gebückte Sitzen vor dem Bildschirm. Auch falsche Ernährung komme dazu: Mangel- oder Überernährung – beides komme vor, so Otte. Das werde durch die Industrie sogar befeuert: in Elektronikmärkten gebe es neben Computerspielen mittlerweile eine Art „Astronauten-Nahrung“ – speziell dafür designt, um nicht den Rechner zum Essen verlassen zu müssen. Sie habe schon Süchtige kennengelernt, die sich einen Katheter gelegt hätten, um für den Toilettengang nicht den Rechner verlassen zu müssen, erzählt Otte – das sei aber ein extremer Fall gewesen und nicht die Regel, schränkt sie ein. Anders als bei Alkohol- oder Drogensucht kann das Ziel bei der Behandlung von Mediensucht nicht völlige Abstinenz sein. „Man kann heute nicht ohne das Internet leben“, weiß auch Kristin Otte. Für Betroffene müsse es deshalb darum gehen, den Weg zu einer funktionalen Mediennutzung zu finden. „Wir arbeiten da hochindividuell“, sagt Otte – mit detaillierten Wochenplänen oder mit dem Ampel-Modell: Welche Medien habe ich gut im Griff (grün), wo merke ich problematisches Nutzungsverhalten (gelb), wo rutsche ich sofort zurück in die Sucht (rot)?
Oft würden auch kleine Anpassungen im Alltagsverhalten helfen, sagt Otte: Das Handy nicht ans Bett legen, für die Uhrzeit auf die Uhr und nicht aufs Mobiltelefon schauen, keine Elektronik am Esstisch und kein Fernseher, der im Hintergrund plärrt… „Gerade Eltern sollten hier Vorbilder für ihre Kinder sein und eine bewusste Mediennutzung vorleben. Fernsehverbot oder ,Router aus‘ eignen sich auch weniger gut als Erziehungsmethoden: das macht die Mediennutzung für Kinder nur noch interessanter.“
Mediensüchtig? Beratung in Göttingen
Betroffene, die glauben, an Mediensucht zu leiden (und deren Angehörige), können sich für einen Erstkontakt an die Fachstelle für Sucht- und Suchtprävention des Diakonieverbands Göttingen in der Schillerstraße 21 wenden. Die Beratungen sind kostenlos und unterliegen der Schweigepflicht. Offene Sprechzeiten sind jede Woche dienstags von 17 bis 19 Uhr und mittwochs von 11 bis 12.30 Uhr. Die Beratungs- und Behandlungsstelle erreicht man auch telefonisch unter 0551 / 72051 oder per Mail an info@suchtberatung-goettingen.de. Als weitere Möglichkeit der Kontaktaufnahme ist seit Kurzem ein anonymes Online-Portal freigeschaltet worden. Unter www.deinesuchtexperten.de können sich Betroffene und Angehörige nach kostenloser Anmeldung (auch mit Pseudonym) mit einem Berater über das Internet datengeschützt austauschen. Nicht nur bei Mediensucht!