Martin Fehrensen (38) hat geschafft, woran andere sich noch die Zähne ausbeißen: Im Internet mit Journalismus Geld verdienen. Sein Thema: die Sozialen Medien – und die Chancen und Gefahren, die diese mit sich bringen…
Facebook, Instagram, Twitter und Co.: Für die meisten Menschen gehören soziale Medien inzwischen zu alltäglichen Begleitern. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich „Social Media“ von einem Nischenphänomen des Internets zu einem  nicht mehr wegzudenkenden Massenprodukt entwickelt. Social Media ist allgegenwärtig: Beim Frühstück auf dem Tablet, im Bus auf dem Handy, bei der Arbeit auf dem Rechner. Dass die schöne neue Social-Media-Welt auch ihre Schattenseiten hat, dafür sind Facebooks Datensammelei, als „Influencer-Marketing“ kaschierte Produktwerbung oder diverse  Online-Shitstorms (die „Umweltsau“ lässt grüßen) nur einige Beispiele. Deshalb ist ein kritischer und informierter Umgang mit sozialen Medien unerlässlich.
3.000 Abonnenten
Das hat auch Martin Fehrensen erkannt – und daraus ein Geschäftsmodell entwickelt. Der 38-Jährige Göttinger betreibt seit 2012 das „Social Media Watchblog“. Das ist ein Online-Newsletter, in dem er zwei mal pro Woche für seine Leser die aktuellen Trends und Debatten im Bereich der sozialen Medien  aufbereitet und einordnet. Und das wollen inzwischen rund 3.000 Menschen lesen, hauptsächlich  Fachpublikum aus Journalismus, PR & Marketing, Wissenschaft und Politik. Was als ambitioniertes Hobbyprojekt begann, ist inzwischen zu Fehrensens Hauptberuf geworden. Seit Ende 2018 ist das Social Media Watchblog kostenpflichtig – „und der Großteil der Leser ist den Weg mitgegangen“, sagt Fehrensen.  Auch die Fachwelt ist entzückt: Für sein Watchblog hat Fehrensen vor Kurzem den mit 10.000 Euro dotierten  „Vocer #Netzwende Award“ für nachhaltige Innovationen im Journalismus erhalten.
Aus der Vogelperspektive
Fehrensen empfängt zum Gespräch in seinem „Büro“ in der Kreativ-Etage des Göttinger Kulturzentrums Musa – im Grunde ein Schreibtisch mit Laptop in einem loftähnlichen Atelier-Raum. Von hier aus durchforstet er Tag für Tag die digitale Welt auf der Suche nach Trends und Themen. Seine Leitfrage ist: Wie verändern soziale Medien die Gesellschaft? Dabei geht es Fehrensen weniger darum, was Instagram-Sternchen Soundso gepostet hat oder welche neue Sau Jan Böhmermann gerade durchs Twitter-Dorf treibt. Es geht vielmehr um die Mechanismen dahinter, und um technische Aspekte. Was ist von Facebooks neuer Funktion XY zu halten? Oder: Was macht das neue soziale Netzwerk TikTok anders (und vielleicht besser) als die etablierten digitalen Player? Fehrensen nennt es einen „Blick aus der Vogelperspektive“ auf die Sozialen Medien. Sein Publikum besteht aus Fachleuten und entsprechend spezialisiert ist sein Newsletter. Für diesen sichtet Fehrensen unzählige Artikel, wissenschaftliche Studien und Videos, die ihm relevant erscheinen. „Viele Themen kommen aus dem angloamerikanischen Raum, die sind uns in Deutschland oft einen Ticken voraus. Das Blog ist so etwas wie eine Schnittstelle für die deutschen Leser zu den Themen, die gerade in den USA die Diskussion bestimmen.“
Seine Lesefrüchte ordnet Fehrensen dann zu Themenbündeln, „Cluster“ nennt er das, zum Beispiel „Social Media und Politik“, „Social Media und Wirtschaft“, und verfasst erläuternde und einordnende Texte dazu. Das Ganze erscheint zweimal wöchentlich, immer am Dienstag- und Donnerstagmorgen. „Verlässlich wie eine Tageszeitung“, so Fehrensen. Die Grundhaltung ist kritisch – Fehrensen versteht seinen Watchblog als journalistisches Projekt. Gleichwohl ist er sich bewusst: Viele seiner Leser nutzen die Sozialen Medien gezielt  als PR- und Marketing-Werkzeug – und werten Fehrensens Blog mit den entsprechenden Hintergedanken aus. „Diesen Zwiespalt muss man aushalten“, sagt Fehrensen.
Dass Göttingen fernab der großen Medienstandorte wie Hamburg, Berlin oder Köln liegt, ist für den Blogger kein Hindernis – im Gegenteil. Fehrensens Arbeitsplatz ist das Internet: „Ich könnte auch im Süden Mexikos oder in Finnland sitzen.“ Die digitale Vernetzung macht’s möglich: „Die technische Infrastruktur ist in der Cloud, ich brauche nur einen Rechner, Internet und angenehme Leute um mich – und die habe ich in der Musa“, so Fehrensen.
Bloggen im Grünen
Fast könnte man sogar sagen, dass Göttingen das Projekt Social Media Watchblog in dieser Form erst möglich gemacht hat: Fehrensen hat hier studiert und seine spätere Frau kennengelernt. Dann schlug er eine „klassische“ Journalistenkarriere ein: freie Mitarbeit beim ZDF in Mainz, anschließend Volontariat bei dem Fernsehsender und Mitarbeit in der Onlineredaktion der heute-Nachrichten. Dann folgten zwei Jahre beim „Spiegel“ in Hamburg, wo er das Digitalangebot „bento“  für junge Leute mitaufbaute. Als sich das zweite Kind ankündigte, entschieden sich Fehrensen und seine Frau, aus dem Großstadttrubel zurück nach Göttingen „ins Grüne“ zu ziehen. Da kam die Idee gerade recht, das hobbymäßig betriebene Watchblog zum Hauptberuf auszubauen. Und das läuft inzwischen so gut, dass Fehrensen sogar zwei freie Mitarbeiter beschäftigt.
Der Job verlangt es, aber im Privaten nutzt Fehrensen Social Media praktisch gar nicht mehr: „Ich muss mich manchmal hüten, im Freundeskreis nicht zu missionarisch zu werden. Aber jeder ist gut beraten, so wenige Daten von sich preiszugeben wie möglich“, weiß er aus seiner Arbeit. „Ich brauche kein persönliches Archiv im Netz.“
Mehr Informationen auf www.socialmediawatchblog.de                henk