(star) Er ist der stille Star der Innenstadt: Der Leinekanal. So ein Fließgewässer quer durch die Stadt ist ein schöner Luxus. Aber seit wann gibt es ihn eigentlich? Wer hat ihn gebaut? Und wer ist schuld daran, dass er manchmal nur eine Leinepfütze ist?
Der ExtraTiP begab sich auf eine Spurensuche und stellte fest: Die Geschichte des Göttinger „Canale Grande“ liegt ein Stück weit im Dunkeln und ist nicht unumstritten.
Erste Station der Spurensuche ist die Untere Wasserbehörde, Mitarbeiter Marko Rücker weiß, wie das Wasser in Göttingen fließt. Der Leinekanal fängt an der Walkemühle so richtig mit dem Fließen an. Seine Aufgabe im 21. Jahrhundert ist klar: „Der Leinekanal nimmt vor allem Oberflächenwasser aus der größtenteils bebauten Innenstadt auf“, so Rü­cker.
Damit die City dabei nicht auch ab und zu unter Wasser steht, wird an der Walkemühle von Mitarbeitern des Tiefbauhofs der Wasserstand geregelt. Führt die Leine Hochwasser, wird weniger Wasser in den Kanal gelassen. Das klappte 1981 nicht so gut, weil sich dort, wo der Leinekanal wieder in die Leine fließt, das Wasser zurückstaute. Deshalb gibt es neben dem Schützenplatz nun ein Siel- und Schöpfwerk (Foto rechts), das nicht nur die Schotten dicht machen, sondern auch Wasser aus dem Kanal in die Leine schöpfen kann.
Zu viel Wasser war in den vergangenen zwei Jahren aber nicht das Problem. Folge: An manchen Stellen bräuchte man nicht einmal hohe Gummistiefel, um trockenen Fußes durch den Kanal zu waten. „Das liegt allein an den trockenen Sommern, an der Wasser-Regulierung wurde nichts geändert“, so Marko Rü­cker. Dass der niedrige Wasserstand nicht schön anzusehen ist, sei der Behörde klar, es gebe Überlegungen, ob man daran etwas ändern kann.
Eines muss jedoch gesichert sein: Mindestens  500 Litern pro Sekunde sollen fließen – das ist Göttinger Wasserrecht. Schließlich wird mit dem Leinekanal per Wasserkraft Strom erzeugt.

Das Bismarckhäuschen bewachte die Stelle im Wall, wo der Leinegraben ihn durchfließt. Foto: Arndt

Und wer hat ihn nun gebaut, den Leinekanal? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort, soviel weiß man bei der Unteren Wasserbehörde. Genauer weiß es Stadtarchäologin Betty Arndt, bei der die Spurensuche weiterging.
Spurensuche, das ist auch, was die Archäologen zu diesem Thema bis heute betreiben. „Es handelt sich um einen natürlichen Nebenarm der Leine, der nach und nach ausgebaut wurde“, das lassen die bisher gesammelten Spuren erkennen.
Obwohl es in der Vergangenheit durchaus Historiker gab, die der festen Überzeugung waren, dass der Leinekanal von Menschenhand gebaut wurde. Was gegen diese Theorie spricht: Einen Kanal zu bauen, ist ein riesiger Aufwand und im Vergleich zur früheren Stadtgröße ist der Kanal viel zu lang. Auch spricht ein weiterer Seitenarm der Leine, der am Groner Tor aus dem Leinekanal floss, dafür, dass sich der Fluss auf dem heutigen Stadtgebiet ganz natürlich in mehrere Seitenarme teilte. „Heute kennt man feste Flussbette,  natürliche Flussverläufe sehen aber ganz anders aus“, erklärt Betty Arndt.
Der zweite Nebenarm war übrigens die „Kuhleine“ und seine Existenz wurde bewiesen – gerade auch jüngst bei Grabungen auf dem Areal hinter der Kommende, wo die Diakonie baut. „Es handelte sich um ein Gebiet, in dem man früher öfter nasse Füße bekam, wir haben Überreste der Kuhleine und ihre Uferbefestigungen sowie Beweise für Überschwemmungen gefunden“, berichtet die Stadtarchäologin.
Schon früh habe es Mühlen am heutigen Leinekanal gegeben (ab dem 12. Jahrhundert), die Müller haben die Ufer so befes­tigt, dass sie den Lauf des Wassers regulieren konnten. Und wer ein Haus am Fluss neben dem lebenswichtigen Wasser gebaut hatte, befestigte das Ufer, um sein Haus zu schützen. So wurde der Seitenarm der Leine nach und nach kanalisiert.
Beweise für den Ausbau des Leinekanals wurden nicht weit vom Groner Tor entfernt in der Angerstraße 14 gefunden. Hier befand sich lange ein Großparkplatz. Als es 1995 schon einmal Pläne gab, zu bauen, hatten die städtischen Archäologen Gelegenheit, sich dem Leinekanal mit Schaufel und Kelle zu nähern. Gefunden wurde eine massive Holzkonstruktion aus bis zu sieben Meter langen übereinander gelegten Eichenbalken aus dem 13. bis 15. Jahrhundert.  Diese Uferbefestigung ist also immer wieder erneuert worden.
Ergo: Die Göttinger haben das Leinewasser wohl nicht umgelenkt, sondern „nur“ für ihre Zwecke geschickt umbaut. Wasser umlenken konnten sie aber trotzdem. Das haben sie der herrschenden Meinung nach mit dem Bach Gote gemacht, der der Stadt ihren Namen gab. Der speist sich aus dem Reinsgraben vom Hainberg und floss durch den heutigen Cheltenhampark an St. Nikolai vorbei in den Leinekanal. „Die topografischen Gegebenheiten sind eindeutig: Ein natürlicher Bachlauf hätte sich einen anderen Weg ins Leinetal gesucht, die Gote wurde umgelenkt“, so Betty Arndt.
Gutingi hieß das Dorf, durch das die Gote floss: „Siedlung an der Wasserrinne“. Und wenn dieser Sommer genauso trocken wird wie die letzten zwei, dann wird das der neue Spitzname der Innenstadt…